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Norddeutsche Rundschau

24. Oktober 2017 | 01:01 Uhr

Neues Buch : Von Latrinen und Kriegsherren

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Siegfried Schäfer hat den dritten Band über den Truppenübungsplatz Lockstedter Lager herausgegeben. Im Mittelpunkt steht das Kaisermanöver.

von
erstellt am 04.Jan.2014 | 16:00 Uhr

Kaum einer kennt es – doch das im Volksmund Hotel Kakadu genannte Haus in der Podbielski Allee war ab 1886 eines der bekanntesten Gebäude auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lockstedter Lager. Viele Soldaten gingen dort ein und aus – denn in der Baracke waren zwei doppelstöckige Nachtlatrinen mit jeweils zwölf Abtritten eingebaut. Die beiden Nachtlatrinen wurden an separate Fäkaliengruben angeschlossen, mit Fäkalwagen wurde der Inhalt der Latrinentanks und Pissoirtonnen abgefahren. Dieses und vieles mehr aus der Zeit zwischen 1880 und 1889 erfahren die Leser im dritten Teil des „Lockstedter Lager Couriers“, in dem der Hobbyhistoriker Siegfried Schäfer die Geschichte des Truppenübungsplatzes Lockstedt detailgenau beschreibt. Fünf Bände sind geplant, in den beiden ersten Ausgaben ging es um die Jahre 1920 bis 1927 und um die Entstehungsgeschichte bis 1879.

Neben vielen Einzelheiten, die Schäfer bei seinen umfangreichen Recherchen in Archiven und in Zeitungen fand, geht der Hohenlockstedter in seiner neuen, 160 Seiten starken Ausgabe vor allem auf das herausragende Ereignis der Zeit ein – auf das sogenannte Kaisermanöver im September 1881. Gerüchte gab es schon lange, doch am 21. Mai 1881 wurde es öffentlich: Kaiser Wilhelm I. kommt im September zum Herbstmanöver des 9. Armeekorps. Wegen der vielen ausländischen Offiziere hatten Graf Kuno zu Rantzau und Baron von Blome ihre Schlösser in Breitenburg und Heiligenstedten zur Verfügung gestellt. „Die Gäste bezogen ihre Unterkunft alle in Itzehoe und Umgebung, auf dem Truppenübungsplatz fand nur das Militärische statt“, sagt Schäfer über das legendäre Kaisermanöver. Der Herrscher und oberste Kriegsherr des Reiches residierte mit Gemahlin im Westerhof in Itzehoe, dorthin hatte Wilhelm eigens sein eigenes Bett vorausgeschickt. Insgesamt mussten 300 hochrangigen Gäste aus Adel und Militär einschließlich Gefolge untergebracht werden. Am 11. September trafen Kaiser und Gefolge ein, in Itzehoe gab es unter anderem einen großen Empfang mit Essen im Ständesaal, „zu dem Geschirr und alles weitere für 300 Gäste“ mitgebracht wurde“. Zu Ehren Wilhelm I. mussten die Itzehoer ihre Stadt schmücken und an den Straßen Spalier stehen – und alles war piekfein sauber. Denn es gab die Anordnung, dass während der Zeit des Kaisermanövers die Straßen täglich vor 6 Uhr morgens gereinigt werden mussten. 20 Seiten umfasst allein das Kapitel über das Manöver und den hochherrschaftlichen Besuch in Itzehoe und auf dem Truppenübungsplatz.

Ferner berichtet Schäfer in seiner Dokumentation über den Bau der Eisenbahnstrecke Itzehoe – Wrist von der Planung bis zur Inbetriebnahme. Außerdem wird informiert über lokale Ereignisse: den Bau von zivilen und militärischen Gebäuden, über Vergehen und Straftaten sowie über feierliche und auch traurige Anlässe.

Siegfried Schäfer macht auch die Dimensionen deutlich, die das Lager gehabt hat – unter anderem anhand der täglichen Essensrationen. Der Chronist geht dabei von einer durchschnittlichen Soldatenzahl von 1100 bei den Feldartillerie-Regimentern und von 2000 bei den Infanterie-Regimentern aus. Die tägliche Beköstigungsportion eines Soldaten in der Friedenszeit bestand aus zehn Gramm Kaffee, 180 Gramm rohem Fleisch oder 200 Gramm Speck oder 100 Gramm Fleischkonserven, 40 Gramm Fett, 250 Gramm Hülsenfrüchte 150 Gramm Gemüsekonserven von Hülsenfrüchten oder 1500 Gramm Kartoffeln, dazu 750 Gramm Brot. Das entsprach beim Infanterieregiment Nummer 31 unter einer täglichen Beschaffung von 20 Kilogramm Kaffee, 360 Kilogramm rohem Fleisch, 500 Kilogramm Hülsenfrüchte und 3000 Kilogramm Kartoffeln. Auch die Pferde mussten versorgt werden – beim Infanterieregiment 31, wenn alle Pferde im Lager waren und dort versorgt wurden, mussten täglich 1322 Kilogramm Hafer, 585 Kilogramm Heu und 410 Kilogramm Stroh bereitgestellt werden.

Auf den letzten Seiten seines Heftes geht Schäfer auf die Geschichte der Heeresflieger auf dem Hungrigen Wolf ein. Dort kommt unter anderem auch die 1932 eröffnete Geländesportschule sowie das sogenannte Polen- und Flüchtlingslager, die Lagerschule und das Jugendheimstättenwerk, vor.

Der vierte Band soll noch in diesem Jahr erscheinen, „dabei geht es um die Ausbildung der finnischen Jäger im Lockstedter lager“, sagt Siegfried Schäfer.

> Das Heft ist zum Preis von 16 Euro erhältlich bei Siegfried Schäfer, Stettiner Straße 6, Hohenlockstedt, Telefon 04826/1493.

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