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Norddeutsche Rundschau

22. August 2017 | 02:28 Uhr

Ausbildung : Von der Druckmaschine ins Rathaus

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten als Chance für ehemalige Prinovis-Mitarbeiterin. 32 Druckerei-Beschäftite starten beruflich neu durch.

Im Büro arbeiten? Als sie als Teenager ihren Abschluss an der Realschule Krempe machte, konnte sich Nicole Rögner das überhaupt nicht vorstellen. „Ich wollte keinen typischen Mädchenberuf“, erzählt sie. Sie bewarb sich unter anderem in Handwerksberufen, unter anderem als Tischlerin – und machte schließlich bei der Druckerei Prinovis, damals noch Gruner + Jahr, ihre Ausbildung zur Tiefdruckerin. „Mir war damals gar nicht so bewusst, dass da nur Männer sind“, sagt sie im Rückblick lachend. Das dämmerte ihr erst, als ihr bei der Einstellung gesagt wurde: „Das ist alles kein Problem, wir müssen nur eine Toilette für sie bauen.“

Fast 16 Jahre lang blieb sie in der Druckerei, bis zum Schluss die einzige Frau im Tiefdruck. Als im vergangenen Jahr die Schließung der Druckerei Ende April 2014 bekannt wurde, war es für Nicole Rögner keine große Überraschung: „Man hat es immer munkeln hören. Nur damit, dass es so schnell geht, hatten wir nicht gerechnet.“ Doch die 32-Jährige steckte nicht den Kopf in den Sand. Nicole Rögner bewarb sich bei der Stadt Itzehoe, durchlief das ganz normale Bewerbungsverfahren, bekam einen Ausbildungsplatz zur Verwaltungsfachangestellten – und gab damit ihrer Oma Recht, die gleich wusste: „Du schaffst das.“

Momentan ist die Itzehoerin in der Wohngeldstelle eingesetzt – und fühlt sich wohl an ihrem neuen Arbeitsplatz. „Ich bin total freundlich aufgenommen worden.“ Insbesondere der Kontakt zu den Kunden macht ihr viel Spaß. „Das ist der größte Unterschied – bei Prinovis war man ja immer nur unter Kollegen“, sagt sie. Der Druckerei trauert die 32-Jährige nicht nach: „Es war eine schöne Zeit, aber man muss nach vorne gucken.“ Die Schichtarbeit sei ohnehin nicht gut mit dem Familienleben vereinbar gewesen, ihr Mann und die beiden Kinder (10 und 11 Jahre) seien froh, dass sie nun familienfreundliche Arbeitszeiten hat.

Ihre größte Sorge sei ihr Alter gewesen, gibt Nicole Rögner zu. „Ich bin fast doppelt so alt wie meine Mitlehrlinge, einige sind nur drei Jahre älter als meine älteste Tochter“, sagt sie. Aber schnell habe sich gezeigt, dass das überhaupt kein Problem ist – weder für sie, noch für die anderen. Im Gegenteil, oft höre sie anerkennende Worte: „Das ist ja toll, dass Sie in dem Alter noch mal eine Lehre machen.“

Das findet auch Bürgermeister Dr. Andreas Koeppen. „Es ist schon eher ungewöhnlich, dass ein Auszubildender älter ist.“ Die meisten der rund 100 Männer und Frauen, die sich jedes Jahr bei der Stadt bewerben, kommen direkt von der Schule. Koeppen freut sich, dass die Stadt einer Prinovis-Mitarbeiterin eine neue Perspektive bieten kann. Bevorzugt worden sei Nicole Rögner aber nicht: „Ich habe gesagt, dass wir ein besonderes Augenmerk auf Prinovis-Mitarbeiter haben, aber es erfolgt keine Einstellung außerhalb des Bewerbungsverfahrens“, betont er. „Das würde allen Regeln des öffentlichen Dienstes widersprechen.“

Mit ihrem Mut zu einem kompletten Neuanfang steht Nicole Rögner nicht alleine da. 32 ehemaligen Prinovis-Mitarbeiter hätten diesen Weg gewählt, sagt Andreas Bückmann, stellvertretender Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Heide. Dabei wurden technische Berufe – von Metallverarbeitung über Kältetechnik bis zum Kfz-Mechatroniker – genauso gewählt wie beispielsweise Maler, Chemikant oder sogar Schornsteinfeger. Das Alter der Betreffenden geht dabei bis Ende 40. „Einige haben 20 Jahre Berufstätigkeit in der Druckerei hinter sich und orientieren sich jetzt ganz frisch“, so Bückmann. Teilweise könne dabei auch gut das bisherige Berufsleben mit den künftigen verknüpft werden. So seien beispielsweise zwei dabei, die eine Ausbildung zum Erzieher begonnen haben. Dabei ließen sich bestimmt die Lebens- und Berufserfahrung gut mit den sozialpädagogischen Kenntnissen verbinden.

Einige ehemalige Prinovis-Mitarbeiter seien noch auf der Suche nach einer Ausbildung, sagt Bückmann. Interessierte Firmen, die bereit seien, auch einen älteren Erwachsenen als Auszubildenden aufzunehmen, könnten sich gerne noch melden. „Vielleicht erschließt sich für einige diese Möglichkeit nicht automatisch“, weiß er. „Aber die Betriebe lernen schnell die Vorteile schätzen.“

Insgesamt sei rund die Hälfte der ehemaligen Prinovis-Mitarbeiter in neuen Jobs, sagt Bückmann. Das sei eine ganz gute Quote. Es sei eine große Chance gewesen, dass man schon sehr frühzeitig eingebunden gewesen sei. „Deshalb sind wir besser davor, als wenn wir erst im Mai hätten beginnen können.“

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erstellt am 17.Okt.2014 | 16:45 Uhr

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