Albert Heckenmüller Itzehoe : Von Boomzeiten und Niedergängen

Der Firmensitz ist noch deutlich erkennbar: Die ehemaligen Fabrikhallen von AHI nutzen heute mehrere Unternehmen. Der Schriftzug ist auch 35 Jahre nach der Insolvenz noch vorhanden.
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Der Firmensitz ist noch deutlich erkennbar: Die ehemaligen Fabrikhallen von AHI nutzen heute mehrere Unternehmen. Der Schriftzug ist auch 35 Jahre nach der Insolvenz noch vorhanden.

Jahrelang recherchierte Autor Lothar Bruhn zur Geschichte des einst bedeutenden Unternehmens AHI / Seine Ergebnisse liegen jetzt als Buch vor

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31. März 2017, 05:14 Uhr

Es begann vor drei Jahren mit einer beiläufig gestellten Frage. Lothar Bruhn war wegen einer anderen Angelegenheit im gemeinsamen Archiv des Kreises Steinburg und der Stadt Itzehoe. „Was haben Sie eigentlich zur Unternehmensgeschichte von Albert Heckenmüller?“ fragte er Leiterin Kirsten Puymann. Bei dem einst großen Unternehmen hatte Bruhn in 1960er Jahren gearbeitet. „Praktisch nichts“, war laut Bruhn die Antwort. Für den heute 75-Jährigen der Beginn einer aufwändigen Recherche, an deren Ende nun ein literarisches Denkmal für die Itzehoer Firma steht: 260 Seiten stark ist Bruhns Unternehmensgeschichte in Buchform geworden, die vor wenigen Tagen erschienen ist. Der Autor liefert damit einen faszinierenden Einblick in ein buntes Kapitel Itzehoer Industriegeschichte, das heute fast in Vergessenheit geraten ist.

Dabei war das Unternehmen Albert Heckenmüller Itzehoe unter dem Kürzel AHI einst eine weit über die Stadtgrenzen bekannte Marke. 1902 hatte sich der Namensgeber selbstständig gemacht und produzierte die technische Ausstattung von Mühlenbetrieben, unter anderem maßgeschneiderte, künstliche Mühlsteine. Bereits zwei Jahrzehnte später war AHI bei den damals zahlreichen Mühlenbetrieben von Ostpreußen bis zum Bodensee bekannt, berichtet Bruhn. Eine grundsolide Konstruktionsweise der Mühlenmaschinen, ausgelegt für eine jahrzehntelange Lebensdauer und geschickte Werbung waren die Erfolgsgeheimnisse des Unternehmens.

Treibende Kraft hinter AHI wurde in diesen Jahren Albert Heckenmüllers Schwiegersohn Paul Schneider. „Er war eigentlich Lehrer, hat sich aber tief in die Materie der Mühlentechnik eingearbeitet“, sagt Bruhn. Der Krieg warf das Unternehmen, das inzwischen zu einer Fabrik mit mehreren Hallen in Sude an der Dorfstraße gewachsen war, aber zunächst zurück. Arbeitskräfte wurden für den Kriegsdienst abgezogen und es gab Bombenschäden. Und auch die dunklen Seiten des Firmenchefs trugen zum vorläufigen Niedergang bei. Schneider war glühender Nationalsozialist, berichtet Bruhn. Er bekleidete Parteiämter in der NSDAP auf regionaler Ebene und beherbergte Adolf Hitler bei einem Besuch in seinem Haus.

Folgerichtig nahmen ihn die britische Besatzungstruppen nach Kriegsende in Internierungshaft. „Er war wohl so unbelehrbar, dass sie ihn sechs Jahre lang nicht wieder raus ließen“, sagt Bruhn. 1951 kam der Unternehmer aber frei und machte sich an den Wiederaufbau von AHI. „Die Lebensmittelversorgung war ein großes Thema. Es gab viel Modernisierungsbedarf bei den Mühlen“, sagt Bruhn. Für AHI begann eine „Boomzeit“, die auch das einsetzende „Mühlensterben“, die Konzentration am Markt hin zu größeren Betrieben, nicht bremsen konnte. Im Gegenteil: „Heckenmüller lieferte die Ausstattung für viele der großen Getreibesilos, die überall im Land entstanden“, sagt Bruhn.

In den 60er Jahren hatte das Unternehmen über 130 Mitarbeiter und gehörte in Itzehoe zu den größten Betrieben. Doch der Boom hielt nicht an. Als der Silobau zurückging und die kleinen Mühlen flächendeckend verschwunden waren, fehlte AHI ein modernes Produkt, sagt Bruhn. „Man hatte keine Ideen.“ 1982 kam die Insolvenz. „Viele der Mitarbeiter kamen nebenan bei Gruner und Jahr unter. Die Druckerei wuchs in dieser Zeit gerade stark.“

Bruhn selbst hatte das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits seit längerem verlassen. Seine persönlichen Erinnerungen hat er in sein Buch einfließen lassen. Den Großteil seines Materials fand er aber im Archiv des Vereins zur Erhaltung der Wind- und Wassermühlen in Schleswig-Holstein und Hamburg. „Dorthin waren die Geschäftsunterlagen nach der Insolvenz gekommen.“ Bruhn wertete umfangreiche Fotosammlungen, alte Prospekte, technische Zeichnungen und Geschäftsunterlagen aus. Seine Forschungen zur Geschichte von AHI möchte der Autor auch nach Druck seines Werkes fortsetzen. „Ich würde mich freuen, wenn ich durch das Buch mit anderen ehemaligen Mitarbeitern in Kontakt kommen. Ich glaube, da gibt noch eine ganze Menge in Itzehoe und Umgebung.“

>Kontakt: bruglueck@t-online.de

Das Buch „Die Mühlenbauanstalt und Mühlsteinfabrik Albert Heckenmüller Itzehoe“ ist im Verlag Moritz Schäfer erschienen und kostet 24,95 Euro.

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