Fußball : Vom ETSV zu den St-Pauli-Rabauken

Ihre Leidenschaft ist das Kicken: Kristiane Wolter macht ihr Hobby zum Beruf.
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Ihre Leidenschaft ist das Kicken: Kristiane Wolter macht ihr Hobby zum Beruf.

Glückstädter Fußball-Trainerin Kristiane Wolter macht zukünftig Jugendarbeit für Hamburger Verein

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17. Mai 2015, 08:00 Uhr

„Wahnsinnig viel bewegt“ habe Kristiane Wolter mit „ihrem herausragenden Engagement“ in den vergangenen Jahren für die Fußball-Sparte des ETSV Fortuna, sagte deren Vorsitzender Oliver Puls in seiner Laudatio auf der Jahresversammlung des Sportvereins anlässlich der Verleihung der Silbernen Ehrennadel an die langjährige Trainerin. Er bedauere es daher sehr, dass das Wolter zukünftig hauptamtlich für den FC St. Pauli tätig sein werde. Den Wunsch, höherklassig als Trainerin zu arbeiten, könne er aber nachvollziehen, so Puls weiter. Für Wolter, die ab Sommer in der Jugendabteilung des Hamburger Fußball-Clubs arbeiten wird, ist dies der nächste Schritt in einer inzwischen knapp zehnjährigen Trainerkarriere.

Ihre Leidenschaft für Fußball reicht noch deutlich länger zurück: Suchte man Kristiane Wolter in ihrer Jugendzeit suchte, musste man dorthin schauen, wo die Jungs waren: auf den Fußballplatz. „Ich glaube, die wussten schon gar nicht mehr, dass ich ein Mädchen bin“, sagt die 45-Jährige lachend. Aber an Frauenfußball-Teams war damals noch nicht zu denken. Also trat die Glückstädterin ersatzweise in den Tennis-Club ein.

Und auch ihr zweiter großer Wunsch – Lehrerin zu werden – erfüllte sich erst einmal nicht. Nach dem Abitur folgte Kristiane Wolter dem Rat der Eltern und ergriff einen kaufmännischen Beruf. Einige Jahre arbeitete sie in den USA, erst als die Geburt ihres ersten Sohnes bevor stand, kehrte sie 1995 in ihre Heimat Glückstadt zurück. Sie brachte sich im Kindergarten und in der Schule ein, leitete an der Familienbildungsstätte Laufkurse – und merkte schnell: „Die Arbeit mit Kindern füllt mich aus.“

Und dann kam jener schicksalhafte Tag vor gut neun Jahren: Die Tochter einer Freundin wollte gerne Fußball spielen. Weil die Mutter von Kristiane Wolters Leidenschaft wusste, regte sie an: „Mach doch eine Mädchenmannschaft.“ Und so kehrte Kristiane Wolter dorthin zurück, wo sie schon immer hin gehörte: auf den Fußballplatz.

„Wir haben mit fünf Mädchen beim ETSV Fortuna Glückstadt angefangen“, erzählt sie. Natürlich seien sie in der Männerdomäne Fußball erst einmal belächelt worden. Die Ergebnisse der ersten Punktspielrunde gaben den Zweiflern Recht: „Wir haben jedes Spiel verloren – zweistellig!“

Doch das Lachen verging den Männern schnell: In der folgenden Saison waren es schon zwei Mädchen-Teams, bald folgte das dritte und Krissy, wie die Trainerin genannt wird, brauchte Verstärkung. Sie selbst hatte sich inzwischen einen persönlichen Traum erfüllt und die DFB-Trainerlizenz gemacht. „Ich wollte vernünftig ausgebildet sein“, sagt die 45-Jährige. Und auch beruflich stellte sie die Weichen neu: Wolter entschloss sich, nicht zurück in ihren alten Beruf zu gehen, sondern leitete stattdessen Fußball-AGs in offenen Ganztagsschulen. Die Vereinsmädchen arbeiteten sich in die höchste Spielklasse in Schleswig-Holstein hoch. Und weil die ersten von ihnen inzwischen Frauen geworden waren, wurde auch ein Frauen-Team gegründet.

Doch Kristiane Wolter suchte inzwischen nach neuen Herausforderungen: Sie stieg erst als Co- und schließlich als Haupttrainerin in der Jungs-Mannschaft ein. Und als vor Start der vorigen Saison der BSC Brunsbüttel zwar einen Startplatz für die B-Jugend in der SH-Liga hatte, aber nicht genügend Spieler, wurde kurzerhand eine Spielgemeinschaft gebildet. Natürlich mit Krissy Wolter als Trainerin.

Als „absolute Underdogs“ seien sie ins „Abenteuer SH-Liga“ gestartet, sagt die Glückstädterin. Und wieder traf sie auf Zweifler: „Die Jungs hören doch nicht auf Dich?!“ Doch. Tun sie. Denn Kristiane Wolter weiß nicht nur, wie man Fußball spielt. Als Mutter eines 19- und eines 17-jährigen Sohnes weiß sie auch, wie sie mit den Jungs umgehen muss. „Ich bin eine Mischung aus Mutter, Trainer und Streetworker“, sagt sie. Und sie vermittelt „ihren“ Jungs nicht nur das Rüstzeug für das nächste Spiel, sondern auch fürs Leben: „Man muss im Leben lernen, mit Niederlagen umzugehen“, sagt sie. Und man muss lernen, trotzdem fair zu bleiben. So ist ihr Team zwar in der Spiel-Tabelle das Schlusslicht, steht in der Fairness-Tabelle aber auf Rang 2. „Darauf bin ich sehr stolz.“

Rassismus oder Witze über Homosexualität duldet Kristiane Wolter in ihrem Team nicht. Und wer sich nicht benimmt, spürt die Konsequenzen. Spätestens nach zwei Stunden kommt aber ohnehin fast immer die Nachricht auf ihrem Handy an: „Krissy, tut mir echt leid!“ Jugendliche haben viel mehr Potenzial, als viele Erwachsene ihnen zutrauen, weiß die Trainerin. „Und wenn man sie ernst nimmt, verhalten sie sich auch so.“ Ihr Team ist ein eingeschworener Haufen geworden. Das letzte Spiel wurde sogar glatt mit 3:0 gewonnen. „Das hätte uns keiner zugetraut. Aber je mehr man gefordert wird, desto besser entwickelt man sich.“

Dass der ETSV die Spielgemeinschaft nicht weiterführen will, enttäuschte sie deshalb. Sie nahm das Angebot des BSC Brunsbüttel an, unter dessen Regie die Mannschaft weiter zu betreuen. Und viele ihrer Jungs bleiben ihr treu, wechseln ebenfalls nach Brunsbüttel. Ihnen wird sie künftig noch etwas Wichtiges vermitteln können: „Es lohnt sich, an seine Träume zu glauben, dann findet man auch einen Weg.“ Denn auch beruflich geht Kristiane Wolters Traum im Sommer in Erfüllung: Sie wird für den FC St. Pauli als Trainerin für die Schulkooperationen arbeiten und in den Ferien zum Beispiel auch einige der bekannten „Rabauken-Camps“ leiten. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt sie strahlend.

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