Geschichten aus dem Amtsgericht Itzehoe : Vom alltäglichen Scheitern

Zu jedem Fall im Buch gibt es eine Zeichnung von Grafikdesignerin Marion von Oppeln.
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Zu jedem Fall im Buch gibt es eine Zeichnung von Grafikdesignerin Marion von Oppeln.

Lars Bessel hat ein halbes Jahr lang Prozesse am Itzehoer Amtsgericht begleitet – 20 davon hat er jetzt in einem Buch zusammengetragen.

shz.de von
24. Januar 2018, 17:00 Uhr

Es sind die Kleinkriminellen aus der Nachbarschaft, die die Hauptrolle in Lars Bessels neuem Buch spielen. „Diejenigen, denen man hier auf der Straße begegnet“, wie er sagt: Diebe, Betrüger, Gewalttäter, Erpresser und Drogendealer.

Etwa ein halbes Jahr lang hat der Journalist Prozesse am Itzehoer Amtsgericht besucht und das dort Erlebte nun für ein Buch aufgeschrieben. „Die Kriminalfälle, die dort verhandelt werden, finden normalerweise maximal eine Erwähnung in der Lokalzeitung“, sagt er. „Denn hier geht es nicht um Mord und Totschlag oder milliardenschwere Unterschlagungen.“

Zwar hat Bessel auch schon Prozesse von nationaler Bedeutung begleitet, für sein Buch sei das Amtsgericht aber genau der richtige Ausgangspunkt gewesen. „Wobei es grundsätzlich fast egal ist, wo das Amtsgericht steht, die Geschichten sind im Grunde überall dieselben.“ 20 dieser Fälle enthält „Vom alltäglichen Scheitern“, in dem er die gesamte Bandbreite eines Amtsgerichts abbilden will – dabei aber möglichst neutral bleibt und ohne ausgedachte Rahmenhandlung auskommt. Allein die Namen der Protagonisten sind geändert. „Man muss diese Menschen ja nicht zusätzlich an den Pranger stellen“, sagt Bessel.

Zu jedem Fall gibt es eine Zeichnung von Grafikdesignerin Marion von Oppeln, die seit einiger Zeit als Gerichtszeichnerin in Norddeutschland unterwegs ist. „Wer die Betroffenen kennt, wird sie also auch auf den Bildern erkennen“, vermutet Bessel.

Die unterschiedlichsten Menschen haben Marion von Oppeln und er im Laufe ihrer Recherchen getroffen – vom Wiederholungstäter mit viel krimineller Energie bis zum fast unbescholtenen Bürger. „Da waren Fälle dabei, wo du denkst: dieses arme Schwein. Einige sind da einfach irgendwie reingeschlittert“, sagt er. Und immer wieder hätten dieselben Nenner eine Rolle gespielt: Alkohol, Gewalt in der Familie und fehlende Schulbildung. „Manche fallen einfach durchs Raster.“

Ganz besonders im Gedächtnis ist Bessel dabei ein Prozess um einen Ladendiebstahl geblieben. Immer wieder habe die Angeklagte etwas in Geschäften mitgehen lassen, immer wieder um den Todestag ihrer Tochter herum – und im speziellen Fall auch noch kurz vor Ablauf ihrer Bewährungszeit. „Sie hat viel geweint, immer wieder ging sie raus vor die Tür“, erinnert sich der Journalist. Am Ende habe sich herausgestellt, dass sie diese Taten ganz bewusst begangen habe – um ihre Bewährungshelferin nicht zu verlieren. „Das war die einzige Bezugsperson, die ihr noch blieb. Oft geht es da um menschliche Schicksale.“


> „Vom alltäglichen Scheitern“ ist als E-Book für 4,99 Euro im Internet-Buchhandel erhältlich (ISBN: 978-3-7427-5680-0).

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