Gespräch in Wewelsfleth : Volksparteien suchen ihre Basis

Fand klare Worte zur aktuellen Situation: Björn Engholm (r.) . Ohne Polemik sprach der ehemalige AfD-Politiker Bernd Lucke (l.). Er vermisst in der Politik viele gesellschaftliche Schichten.
Fand klare Worte zur aktuellen Situation: Björn Engholm (r.) . Ohne Polemik sprach der ehemalige AfD-Politiker Bernd Lucke (l.). Er vermisst in der Politik viele gesellschaftliche Schichten.

Ist die Politik zu abgehoben? Dieser Frage gingen unter anderem Björn Engholm (SPD) und Bernd Lucke (ehemals AfD) nach.

shz.de von
26. März 2018, 05:00 Uhr

Fast 100 Gäste waren auf Einladung der örtlichen SPD in die Mehrzweckhalle von Wewelsfleth gekommen, um zum Thema „Volksparteien – Ein Auslaufmodell?“ zu diskutieren. Das diesjährige Wewelsflether Gespräch wurden einmal mehr von Rainer Burchardt moderiert, der mit kritischen Fragen Würze ins Gespräch zu bringen versuchte. Wer aber auf bissige Polemik hoffte, kam nicht auf seine Kosten, obwohl zu den geladenen Gästen auch der Mitgründer der AfD, Bernd Lucke, gehörte. Er verließ vor drei Jahren die Partei und ist heute Europaabgeordneter der LKR (Liberal Konservative Reformer), einer neuen deutschen Kleinpartei, die sich von den inhaltlichen Entwicklungen der AfD distanziert.

Seine Teilnahme an den diesjährigen Wewelsflether Gesprächen sei im Vorfeld des Abends im Ortsverein der SPD umstritten gewesen, hieß es vom Veranstalter. Doch Lucke bot keinen Anlass zu heftiger Diskussion, sondern sachliche Gedanken über die Frage, was eine Volkspartei eigentlich sei. Für ihn sind Grüne und FDP Klientelparteien, deren Anhänger eine homogene Gesellschaftsgruppe darstellten. Volksparteien hingegen müssten alle gesellschaftlichen Gruppierungen abbilden.

Da stimmte ihm der Mann zu, der 1988 für die schleswig-holsteinische SPD ein Ergebnis von 54,8 Prozent einfuhr und daraufhin Ministerpräsident wurde: Björn Engholm. In gewohnt klarer Manier präsentierte er seine Thesen zum Thema, die einen klugen Bogen zwischen der Vergangenheit der SPD als Arbeiterpartei und ihrem jetzigen Zustand schlug. „Viele Berufsgruppen und Teile unserer Gesellschaft findet man nicht mehr im Bundestag“, mahnte Engholm nicht zum ersten Mal. „Ihr müsst Kandidaten schon auf Ortsebene finden, die alle gesellschaftlichen Gruppen vertreten“, forderte er.

Während Moderator Burchardt immer wieder in die Vergangenheit der SPD abdriftete und Namen wie Grass, Brandt, Schmidt & Co fallen ließ, und so mancher im Publikum befürchtete, der Abend würde eine sozialdemokratische Geschichtsstunde werden, blieben die Diskutanten am Thema. Als einzige Frau auf dem Podium versuchte die ehemalige Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke den Zustand der heutigen Volksparteien auch mit der Verantwortung des Journalismus in Verbindung zu bringen. Die ehemalige politische Quereinsteigerin, die wegen eines Steuerskandals 2013 ihren Rücktritt erklärte, stimmte Engholm zu, dass die „politische Sphäre sich zunehmend von der Lebenswirklichkeit der Menschen trennt“. Sie forderte mehr Quereinsteiger, die noch einen Draht zum Volk hätten.

Berufspolitiker Tobias Loose, Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der Jungen Union, schien genau der Typus zu sein, den Gaschke meinte. Obwohl er im heimatlichen Chor mitsinge, habe er nur wenig persönlichen Kontakt zum normalen Leben, sondern sei vornehmlich im politischen Raum zu finden, wie er selbst sagte.

Es war ein Abend konstruktiver Selbstkritik, wo Engholm auch die langweilige und unzeitgemäße Versammlungskultur sowie trockene Funktionärssprache der Parteien als Grund für Politikfrust der Jugend anprangerte. Wilhelm Knelangen von der Universität Kiel wies darauf hin, dass schon in der Vergangenheit kleine Parteien jene politischen Lücken füllten, die die großen Parteien übersehen hatten. So kamen etwa die Grünen und besetzten das Thema Atomkraft und Umwelt. Provokant fragte er, ob die AfD nicht genau das heute auch täte: „Sie füllen eine Repräsentationslücke, weil die großen Parteien, die Leute nicht mehr verstehen.“

Schülerin Anne Brühs (18), eine von sechs jungen Leuten im Publikum, bedauerte, dass es an diesem Abend keine wirkliche Diskussion gab, dafür aber viel Selbstpräsentation der Teilnehmer.

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