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Kabarett-Marathon : Vier Stunden voller treffsicherer Pointen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Alle bekommen bei Hagen Rether ihr Fett weg. Im theater itzehoe unterhält er vier Stunden lang. Langweilig wird es dabei nie.

shz.de von
erstellt am 22.Sep.2013 | 17:16 Uhr

Der Mann verstößt gegen alle Grundregeln eines Bühnenauftritts. Allein sein Intro dauert fast zwei Stunden. Er dreht seinem Publikum den Rücken zu, er faltet (auf Kante!) Mikrofasertücher, mit denen er vorher gefühlte Ewigkeiten lang den Flügel geputzt hat. Er bindet sich die Schuhe, reibt sich die Augen, schlürft sein Mineralwasser. Er frisst Bio-Bananen, schmatzend.

Standardreaktion, wenn sein Publikum lacht: „Das ist nicht lustig.“ Nein, lustig ist Hagen Rethers Fast-Vier-Stunden-Kabarett nicht. Trotzdem wird ununterbrochen gelacht. Viele Pointen bleiben in diesem Lachen stecken. Und noch häufiger bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Zu bitter wirken die Wahrheiten. Zum Beispiel, wenn er über unsere Ernährung mit Tierleichen spricht, während er die Bio-Bananen in sich reinstopft. Wenn er über Facebook herzieht, dabei die Lehnen an seinem Bürostuhl hoch- und runterschiebend: „Ich habe noch analoge Freunde.“

Mit dieser gespielten Beiläufigkeit konfrontiert er sein Theaterpublikum (sehr gut besuchtes Großes Haus) mit den absurdesten politischen Peinlichkeiten des Alltags. Immer wieder verzögert er die Gedankengänge, die er gerade erst angestupst hat: „Warum?!?“ „Was soll das?!?“ „Hä?!?“ Mit diesen retardierenden Momenten und dem genüsslichen Auskosten des Absurden lockt er sein Publikum in die Denkfallen. Sei es ein Wunder, fragt er still mit leicht geneigtem Kopf, dass das Kind an ADHS leide, weil seine Kita-Erzieherin schon zum vierten Mal aus der Burnout-Reha komme. Hagen Rethers desillusionierende Entwicklungslinie: Kita – G 8 – Bachelor – Burnout!

Alle bekommen ihr Fett weg: alle Parteien, alle Religionen, alle Menschen, besonders die im Publikum. Trotzdem liefert Hagen Rether keine Publikumsbeschimpfung ab: „Ich weiß nichts, ich red’ halt.“ Das ist seine Masche: Im Habitus des unaufgeklärten Aufklärers weiß er nur scheinbar nichts, erklärt aber alles. Das Oxymoron ist seine Lieblingsstilfigur, über das herrenlose Damenfahrrad vorm Brennholzverleih kann er sich beömmeln. Mit Aperçu und Metaebene geht er locker um. Pech, wer da in der Schule nicht aufgepasst hat!

Sprachlich sänftelt er so vor sich hin, während er in den Köpfen seines Publikums eine Kakophonie aus schlechtem Gewissen und gleichzeitigem Amüsement über die Treffsicherheit und Exaktheit der Pointen entzündet, intellektuell anstrengend und emotional erfrischend. Und ein bisschen Klavier spielt er auch noch. So schnell sind vier Stunden Monolog noch nie vergangen.


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