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Knochenmarkspende : „Vielleicht habe ich ein Leben gerettet“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Anja Kolster aus Marne ließ sich vor zwei Jahren typisieren – und spendet jetzt Knochenmark für einen an Leukämie erkrankten Mann.

Sie ist noch ganz euphorisch, wenn sie von ihrem Abstecher nach Dresden erzählt. Denn dort hat Anja Kolster vor einer Woche Knochenmark gespendet. Jetzt hofft die 42-Jährige aus Marne, dass der Empfänger, ein 58 Jahre alter Mann aus der Türkei, gewissermaßen mit ihrer Unterstützung seinen Blutkrebs überwinden kann. „Vielleicht habe ich ein Leben gerettet“, sagt die gelernte Floristin strahlend. „Wenn ich daran denke, kriege ich eine Gänsehaut.“ Genaueres erfährt die zweifache Mutter erst in drei Monaten.

Anja Kolster gehörte zu den über 400 Menschen, die am 15. September 2012 an einer groß angelegten Typisierungsaktion des Brunsbütteler Wattolümpia-Vereins für die Deutschen Knochmarkspender-Datei (DKMS) in der Schleusenstadt teilgenommen hatten. Ein eher spontaner Entschluss, angeschoben von ihrer Schwester. Die habe davon in der Zeitung gelesen und gesagt: „Das machen wir!“ In der Folgezeit hatte Anja Kolster das schon wieder vergessen. Bis sie vor zehn Wochen Post von der DKMS, der weltweit größten Datei von potenziellen Stammzellspendern, bekam. „Dann ging alles ganz schnell.“

Sie fuhr auf Kosten der DKMS nach Dresden in die Cellex, ein Zentrum für Zellgewinnung. Dort wurde das Blut der Marnerin genau untersucht. Und ihr wurde gezeigt, wo und wie die Knochenmarkspende von statten gehen würde. „Das war im Grunde wie bei einer Dialyse“, erzählt die 42-Jährige. Wieder zu Hause musste sie sich ein Aufbauhormon spritzen, das die Produktion von Stammzellen im Blut ankurbelt. Der Körper erzeugt dieses Hormon bei entzündlichen Infekten auch selbst. Mit Hilfe der Blutwäsche am Montag vergangener Woche bei Cellex wurden die benötigten Stammzellen dann ausgefiltert. Das sei – abgesehen vom dreistündigen Liegen in dem Dialyseraum – nicht sonderlich anstrengend gewesen, berichtet sie. Abends konnte sie bereits mit ihrer Freundin, die als Begleitung mit nach Dresden gefahren war, sogar einen Stadtbummel unternehmen und Essen gehen. Drei Tage später erfuhr sie, dass der Empfänger ihrer Stammzellen in der Türkei lebt. Mehr gibt die DKMS anfangs nicht heraus, die Anonymität von Spender und Empfänger wird erst nach zwei Jahren aufgehoben.

Die Marnerin, die mit zwölf Jahren ihre Mutter durch Krebs verlor, ist sicher, was die Diagnose Blutkrebs für den unbekanten 58-Jährigen bedeutet haben muss: „Das haut einen aus den Socken.“ Um so schöner sei das Gefühl, einen Beitrag zu den medizinischen Bemühungen im Kampf gegen die Leukämie des Türken geleistet zu haben. „Es wäre schön, wenn es hilft. Ich gönne es ihm.“

Anja Kolster weiß auch, was sie tun wird, wenn diese Knochenmarkspende nicht anschlägt. Dann werde sie einen Schritt weitergehen, sagt sie: In diesem Fall wird ihr Knochenmark operativ aus dem Beckenkamm entnommen. Aber die Chance, dass es dazu kommt, ist denkbar gering. Nur bei drei von 7000 Fällen ist das nötig.

Ohnehin ist die Suche nach einer Art genetischem Zwilling, um helfen zu können, schon denkbar schwierig. Die weltweit vernetzte DKMS mit Sitz in Tübingen verweist darauf, dass innerhalb einer Familie nur ein Drittel Spender gefunden werden. Außerhalb von Familien liegt die erforderliche genetische Übereinstimmung bei 1:20 000 bis 1:mehreren Millionen. Knochenmark spenden können gesunde Menschen zwischen 18 und 55 Jahren. Wenn nicht wie bei Anja Kolster die Typisierung über eine Spende finanziert wird, kostet dies 50 Euro. Krankenkassen tragen diese Kosten nicht.

Die auf Spenden angewiesene DKMS leistete dafür viel, wie die 42-Jährige erzählt. Der Transfer nach Dresden und zurück inklusive der Begleitung wurde ebenso übernommen wie die Übernachtungen in einem Fünf-Sterne-Hotel. Dort hat sie selbst erlebt wie gefragt das möglicherweise lebensrettende Knochenmark ist: „Im Hotel trafen wir einen Piloten, der gerade auf dem Weg war, eine Spende von Cellex abzuholen.“ Kein Wunder, laut DKMS erhält allein in Deutschland alle 16 Minuten ein Mensch die Diagnose Blutkrebs. Jeder fünfte Patient findet keinen Spender.

„Viel Aufwand ist es nicht“, sagt Anja Kolster über die Spende in Dresden. Und sie weiß: „Mir ging es ausgezeichnet – im Gegensatz zu dem Patienten“, dessen einzige Hoffnung ihr Knochenmark ist. Die Mutter, die von allen Seiten Zuspruch erfährt, ist schon ganz gespannt, was sie in drei Monaten von der DKMS hört. „Wenn es ihm gut geht, wäre das das schönste Weihnachtsgeschenk.“

>Infos: www.dkms.de

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erstellt am 12.Aug.2014 | 05:00 Uhr

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