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Norddeutsche Rundschau

22. Oktober 2017 | 20:03 Uhr

Bahn : „Viele Pendler sind zornig“

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Glückstädter FDP lädt zur Podiumsdiskussion in Sachen Zugverkehr ein – Tornescher Bürgermeister Roland Krügel informiert sich auch

von
erstellt am 06.Feb.2015 | 17:00 Uhr

Die beiden saßen hinten und hörten interessiert zu: Roland Krügel, Bürgermeister von Tornesch, und Gerhard Quast von der dortigen Bürgerinitiative. Denn auch in Tornesch gibt es große Probleme mit dem Zugverkehr. „Wir fordern den 30-Minuten-Takt“, erklärte Krügel gegenüber unserer Zeitung. In Tornesch wird in Sachen Bahn der Aufstand geprobt. „Bei einer Unterschriftenaktion kamen mehr Unterschriften zusammen als Tornesch Einwohner hat.“

Die FDP hatte in das „Anno 1617“ eingeladen und die Pendler kamen zahlreich zur Podiumsdiskussion zum Thema Zugverkehr– auch Politiker aller Parteien waren dabei. Immer wieder kamen im Publikum Unmutsbekundungen auf und zeigten die große Unzufriedenheit mit der jetzigen Situation. Bis auf wenige Anbindungen fahren die Züge nur noch stündlich und sind in Richtung Hamburg überfüllt, was sich auch auf Bildern zeigte, die auf der Leinwand zu sehen waren. Auf völliges Unverständnis stieß: Damit die Nord-Ostsee-Bahn vier bis sieben Minuten schneller auf Sylt ist, darf sie nicht mehr in Glückstadt halten.

Und es kann schlimmer werden: Denn das Land hat die Strecke Hamburg-Westerland – auch Marschbahn genannt – ausgeschrieben. Unklar ist, ob es die wenigen verbliebenen Halte der Nord-Ostsee-Bahn in Glückstadt auch künftig geben wird. Auch darüber diskutierten mit den Pendlern auf dem Podium die Glückstädter Heiko Schlüter und Lutz Thieme, Geschäftsführer Bernhard Wewers vom Nahverkehr Schlweswig-Holstein (nah.sh), und der FDP-Landtagsabgeordnete Christopher Vogt. Die Moderation hatte Stefan Goronczy, FDP-Stadtvertreter und Pendler.

Heiko Schlüter sprach den Pendlern offensichtlich aus dem Herzen: „Wir kämpfen mit vollen Zügen, fehlenden Lokführern und fehlenden Zugteilen.“ Und es gäbe keine Ansagen an den Bahnhöfen.

Bernhard Wewers hatte zur Unterstützung gleich drei Mitarbeiter aus Kiel mitgebracht. Sie nannten zwei verschiedene Gründe, warum die NOB nicht mehr in Glückstadt hält. Einer ist: Auf der Strecke Elmshorn-Hamburg gibt es einen Engpass mit zwei Gleisen, erklärte nah.sh-Planer Jochen Kiphard.

 

 

Und: „Es ist ein lang gehegter Wunsch aus Nordfriesland und Dithmarschen, dass die NOB sieben Minuten schneller fährt.“

Der jetzige Fahrplan soll für zwei Jahre gelten. „Wir werden sehen, ob er Ihre Bedürfnisse trifft“, sagte Wewers zu den Pendlern. Er machte aber wenig Hoffnung auf Verbesserungen, weil das Land nur eine feste Summe an Geld zur Verfügung habe. Er rechnete vor, dass die jetzigen verblieben Halte der NOB morgens und abends in Glückstadt im Pendelverkehr das Land fast eine Million Euro kosten würde.


Landtag entscheidet, wer auf der Strecke der Marschbahn fährt


Acht Interessenten gibt es für die Ausschreibung der Strecke Hamburg-Westerland, auf der zurzeit die NOB fährt. Wewers stellte klar, dass nicht er im Sommer die Entscheidung treffe, wer dort künftig fahren darf: „Das entscheidet der Landtag, es geht um viel Geld.“ Aber so versprach er: Wer von den Anbietern den Halt in Glückstadt mit im Angebot hat, der bekomme einen Bonus. Doch entscheidend sei das wirtschaftliche Angebot. Jochen Kiphard versuchte zu beruhigen: „Es ist wahrscheinlich, dass in Glückstadt gehalten wird.“ Dass es in der Ausschreibung nur die Option für Haltestopps gibt, „das ärgert mich“, erklärte der Landtagsabgeordnete Christopher Vogt. Auch er wollte sich nicht festlegen, was wird und verwies auf die Entscheidung zunächst im Finanzausschuss des Landes und dann im Landtag. Lutz Thieme, vor seiner Pensionierung auch zuständig für Fahrpläne, brach eine Lanze für das Zugfahren. „Jeder Euro auf der Schiene bringt mehr als es in die Straßen zu stecken. Die Bahn hat zu wenig Lobby.“


Pendler sorgen sich um Zukunft der Stadt


Margarete Olschowka pendelt nach Hamburg: „Ich fühle mich abgehängt, isoliert. Viele sind zornig.“ Das, was jetzt sei, diene nicht dazu, den Pendler auf die Schiene zu bringen, erklärte die Apothekerin.

Jörn Ehlers sprach für viele Pendler. „Ihr hängt uns ab“, sagte er in Richtung der Verantwortlichen aus Kiel. Weil in Glückstadt massiv Arbeitsplätze weggefallen seien, müssten viele Berufstätige nach Hamburg fahren. „Ich kann nicht akzeptieren, dass Sie uns auf den Stand von Herzhorn bringen“, sagte er zu den jetzigen Halten an jedem Ort. Und er fürchtete um die Zukunft Glückstadts als Touristenort. Auch Jens Harders machte sich Sorgen um die Zukunft der Stadt, die von der Bahnanbindung lebt. Und er fragte, warum Wrist mit 2204 Pendlern eine halbstündige Anbindung an Hamburg hat und Glückstadt nicht. Glückstadt hat laut der Statistik des Landes 2332 Pendler.

Dirk Urmersbach hat erlebt, dass er auf dem Hamburger Bahnsteig stand und kein Zug fuhr. Auf anderen Gleisen hätten aber Züge der NOB gestanden, die er nicht nutzen konnte, weil sie nicht in Glückstadt gehalten hätten. „Ich bin viel nachts unterwegs, weil ich in der Gastronomie arbeite.“ In den vergangenen sieben Wochen sei es ihm nicht gelungen auf der DB-App zu erfahren, ob Züge fahren oder nicht.

Ulf Wolter stellte aufgrund seiner beruflichen Erfahrung infrage, ob das Land die Option für den Halt der Marschbahn in Glückstadt ernst meint. „Das ist das Papier nicht wert“, sagte er zur Ausschreibung. Angela Anglet kritisierte die Abfahrtszeit in Hamburg um 18.06 Uhr. Da sie pünktlich um 18 Uhr ihr Unternehmen in Hamburg verlassen müsste, spüre sie Unverständnis bei Kollegen. Auch Katharina Wilke hat Probleme mit dem Fahrplan. Denn die Kinder müssen in Glückstadt um 16 Uhr aus der Schule abgeholt werden, aus dem Kindergarten um 17 Uhr. Wenig Verständnis zeigte sie für die vielen „Kinderkrankheiten“ der Nordbahn, über die im Vorwege viel gesprochen wurde. „Ich komme aus der Schifffahrtsbranche.“ Dort würde so etwas nicht vorkommen.

Siegfried Hansen, Stadtvertreter der Piraten, schlug vor: „Es sollten zusätzliche Züge von Itzehoe bis Elmshorn bereitgestellt werden.“ In Elmshorn könnte sie dann an den Wrister Zug Richtung Hamburg angekoppelt werden. Und auch er sagte zur Zukunft der Stadt: „Glückstadt wird über den Jordan gehen.“

Bekanntgegeben wurde noch, dass es demnächst eine Telefonumfrage zum Thema Bahn gibt. Diese ist vom Land bereits in Auftrag gegeben. Stefan Goronczy forderte die Zuhörer des Diskussionsabends auf, diese mitzumachen.

 

 

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