Glückstädter Tafel : Viele Kunden – aber zu wenig Ware

Horst-Günther Scheer und Rosita Egge versorgen an den Öffnungstagen bis zu 50 Kunden mit Lebensmittel.
Horst-Günther Scheer und Rosita Egge versorgen an den Öffnungstagen bis zu 50 Kunden mit Lebensmittel.

Die Glückstädter Tafel benötigt dringend weitere Lebensmittel – denn Kunden gibt es genug und das Einzugsgebiet reicht inzwischen weit über die Stadtgrenzen.

shz.de von
29. März 2017, 04:55 Uhr

Vor elf Jahren wurde die Glückstädter Tafel gegründet. Ins Leben gerufen wurde sie einst, weil immer mehr Menschen am Ende eines Monats nichts mehr im Kühlschrank hatten. Eine Tendenz, die bis heute anhält. Knapp 2000 Menschen werden aktuell von den Tafel-Helfern mit Lebensmitteln versorgt – Monat für Monat. Rund 50 „Tafelkunden“, so der offizielle Sprachgebrauch, empfangen Leiterin Rosita Egge und ihr Team an den Öffnungstagen. Als Koordinator zieht Horst-Günther Scheer im Hintergrund die Fäden.

Das Duo erklärt, wie die Tafel funktioniert – und dass an Ware derzeit ein akuter Mangel herrsche. „Zu uns kommen Hartz-IV-Empfänger, Rentner, geringfügig Beschäftigte und Asylbewerber“, zählt Egge die Kunden „ihrer“ Tafel auf. Träger sei seit Beginn die Arbeiterwohlfahrt (Awo). Die Räume der Tafel befinden sich in der Königsberger Straße 25a. „Geöffnet haben wir montags, dienstags, donnerstags und freitags von 12 bis 13 Uhr“, sagt Egge. Wer sich mit Lebensmittel eindecken will, benötige einen Tafelausweis und müsse pro Einkauf zwei Euro zahlen. Ganz egal, ob er nur für sich selbst oder für die ganze Familie kommt. Fünf Farben unterscheiden, für wie viele Kunden eingekauft werden darf. Rosa steht für zwei Personen, orange für Familien mit sieben oder mehr Mitgliedern.

„Immer mehr Kinder sind auf uns angewiesen“, nennt Scheer einen weiteren Negativtrend. Im September 2016 seien es über 25 Prozent aller Tafelkunden gewesen. Und fast die Hälfte aller Asylsuchenden, die sich von der Tafel bedienen, seien Kinder. Ein dritter Trend sei die spürbar zunehmende Altersarmut. „Dabei schämen sich viele Rentner, die wenig Geld haben, zu uns zu kommen“, weiß Scheer.

„Wir haben immer mehr Kunden, aber immer weniger Ware“, fasst er das aktuell größte Problem in einem Satz zusammen. Auf rund 20 Sponsoren könne die Tafel in Glückstadt zurückgreifen. Viele Firmen würden regelmäßig Lebensmittel spenden, andere nur sporadisch. Weil viele Märkte „heute besser kalkulieren als früher“, würde nicht mehr so viel für die Tafel abfallen. Ware, deren Ablaufdatum kurz bevorstehe, würde obendrein im Preis reduziert und nicht mehr wie selbstverständlich der Tafel gespendet. „Außerdem holen wir nur, was verzehrfähig ist“, betont der Koordinator.

„Wir würden uns wünschen, dass mehr Lebensmittelhändler Ware an uns abgeben“, sagt Scheer. Dafür sei die Awo auch bereit, „mal einen Meter weiter zu fahren.“ Gern auch bis Wilster oder Elmshorn. Über die Menge an Bäckereiprodukten könne er „nicht klagen“, aber Molkereierzeugnisse und Gemüse seien Mangelware. „Früher konnten wir jedem einzelnen Kunden mehr mitgeben, heute gibt es Tage, da dürfen sich Kunden aus vier Kisten nur für ein Stück Gemüse entscheiden“, konkretisiert Egge. „Wir haben keinen einzigen Landwirt hier in Glückstadt, der uns regelmäßig unterstützt“, so Scheer. In Dithmarschen, wo er ebenfalls Tafeln koordiniere, gebe es hingegen „zwei bis drei Kohlbauern und einen Kartoffelbauern, auf die wir zurückgreifen können“.

Das Einzugsgebiet der Glückstädter Tafel reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Kunden kommen auch aus Lägerdorf, Horst, Krempe oder Wilster. „Die nächsten Tafeln befinden sich in Brunsbüttel und Itzehoe“, sagt Scheer. Orte, die für viele Glückstädter Tafelkunden schlicht unerreichbar seien. In der Königsberger Straße kann übrigens nur eingekauft werden. Eine Essensausgabe wie bei anderen Tafeln gibt es nicht. Ein Heer aus freiwilligen Helfern, Jobcenter-Unterstützern und zwei Bundesfreiwilligendienst-Leistenden kümmern sich um die Kunden. Die Stadt gibt kein Geld dazu, alles sei „rein auf Spenden aufgebaut“, so Scheer. Entsprechend froh sei die Tafel auch über Geldspenden. Denn die Logistik sei deutlich teurer als jene zwei Euro, die pro Einkauf eingenommen würden.



> Wer die Tafel unterstützen möchte: Zu erreichen ist sie unter 04124/890306. Potenzielle Spender können sich auch direkt an Koordinator Horst-Günther Scheer wenden: 0160/95965603.

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