BARRIEREN : Viele Hindernisse im Kreishaus

Mitten durch die Wiese geht es zum provisorischen Rollstuhl-Zimmer.
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Mitten durch die Wiese geht es zum provisorischen Rollstuhl-Zimmer.

Besichtigung zeigt: Für gehbehinderte Besucher sind viele Bereiche der Verwaltung schwer oder gar nicht erreichbar.

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26. Juni 2014, 12:00 Uhr

„Die Situation hier ist für Menschen mit Behinderung sehr schwierig“ – was Kreisdezernent Dr. Friedrich Stork den Besuchern zur Begrüßung sagt, stellt sich für die Gäste mit Rollstuhl und Rollator schnell als Untertreibung heraus. Nach der Besichtigung des Kreishauses, zu dem mehrere Behindertenverbände gestern eingeladen hatten, lautet ihr Fazit: eine Zumutung.

Drei Stationen steuert die Gruppe an, um sich für den Bürgerentscheid zum Fassadenerhalt am 6. Juli ein Bild zu machen: das Jugendamt, das Sozialamt und den Muschelsaal. Den Haupteingang müssen Gehbehinderte links liegen lassen. Über den Hof geht es zum Hintereingang, wo sich ein Aufzug befindet. Schon das stimmt Günter Seligmann von der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft traurig: „Ich möchte auch als Behinderter den Haupteingang benutzen.“

Das Jugendamt liegt im Obergeschoss. Das ist per Aufzug erreichbar. Doch dann folgt schon die erste Zwangspause: Stufen. „Dadurch, dass es drei Gebäude sind, die unabhängig voneinander errichtet wurden, gibt es unterschiedliche Ebenen“, erklärt Stork. Die Rollifahrer müssen klingeln, auf einen Mitarbeiter warten, der für sie den Behindertenaufzug bedient. Doch viel nützt der auch nicht. Um die Ecke ist Endstation: Die Stufen, die hinunter zum Flur des Jugendamtes führen, sind unüberwindbar. Annelie Heydorn vom Sozialverband VdK reicht es schon jetzt: „Leute, reißt das Ding ab und baut neu!“

Sie sei durchaus für den Erhalt alter Gebäude, sagt Heydorn. Doch hier sei der Preis zu hoch: „Es gibt Dinge, die ich als Behinderter alleine regeln möchte, ich will nicht alles in dritte Hände geben“, sagt sie. „Ich muss nicht von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, nur weil ich nicht der Norm entspreche.“ Die Landesbauordnung ist auf ihrer Seite, bestätigt Stork. Öffentliche Gebäude sollen barrierefrei sein.

Wie die Initiative zum Erhalt der Fassade dieses Problem lösen wolle, fragt Günter Seligmann. „Sie sagen nur: ‚Das lässt sich lösen‘, sie sagen aber nicht wie“, entgegnet Stork. Auf jeden Fall würden „mehrere Aufzüge und jede Menge Rampen“ nötig. Doch die müssten drei Meter lang sein – und würden dann Zugänge zu Zimmern versperren. Denn an deren Zuschnitt ließe sich wegen der Fenster kaum etwas ändern, wenn die Fassade bleibt. „Die Befürworter sehen nur die Fassade. Das dahinter interessiert kaum jemanden“, bedauert Stork.

Nächste Station: Sozialamt in der Karlstraße. Eine steile Treppe führt zur Tür. Also klingeln. Ein Mitarbeiter erscheint, weist den Weg zur Rückseite. Quer durch die Wiese geht es zu einem Raum, der einst ein Durchgang war. Klein, karg, muffig. Wenn es viel regne, stehe auch Wasser drin, sagt eine Mitarbeiterin. Dort werden Rolli-Fahrer empfangen. „Der Sachbearbeiter kommt zum Bürger, nicht umgekehrt“, sagt Stork. Und wenn mehrere Betroffene erscheinen, bleibe einer zwangsläufig im Regen stehen. Die Besucher schütteln mit dem Kopf.

Weiter geht es zum Kreistagssaal. Eine Rampe führt zur Außentür. Doch wer drinnen in den Muschelsaal will, wo die Ausschüsse tagen, oder die Toilette besuchen muss, steht wieder vor Treppen und braucht jemanden, der den Behindertenlift bedient. Nur der Kreistagssaal selbst ist erreichbar. Er werde nicht nur für die Politik genutzt, sondern für 70 Veranstaltungen im Jahr, erklärt Friedrich Stork. Deshalb soll er in einem Neubau auch als teilbarer Multifunktionsraum angelegt werden. „Wir könnten ihn dann auch als dringend benötigtes Besprechungszimmer nutzen“, so Stork. Die Besucher schmieden Pläne, was man dort alles machen könnte. „Wir brauchen so einen Saal“, ist Petra Kreie von der Agenda 21-Gruppe sicher. Für Annelie Heydorn jedenfalls hat sich nach dem Besuch die Frage „Erhalt oder Neubau?“ erledigt: „Darf ich den ersten Hammerschlag machen?“

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