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Kultur in Itzehoe : Viele Bravos für Passionskonzert

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Es war ein anspruchsvoller Auftritt der Kantorei St. Laurentii und der Norddeutscher Sinfonietta vor vollen Kirchenbänken.

„Wie der Hirsch schreit“ – da stimmt doch was nicht mit der Wortwahl in Felix Mendelssohn Bartholdys Kantate zu Psalm 42! Ein Hirsch röhrt. Nein, bei Luther, der vor 500 Jahren dem Volk ja tatsächlich auf’s Maul geschaut hat, schreit der Hirsch. Und im Vergleich mit der Folgezeile wird deutlich, warum: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir. Meine Seele dürstet nach Gott.“ Das ist eine starke Sprache, voller religiöser Inbrunst, sozusagen einem Lechzen nach Erlöstwerden. Mendelssohn gestaltet das auch höchst dramatisch, was wiederum die Kantorei St.  Laurentii und die begleitende Norddeutsche Sinfonietta im Passionskonzert musikalisch prägnant umsetzen.

Und zwar typisch romantisch. Man muss mit dem Herzen hören. Da geht es hin und her zwischen Betrübtsein und Erlöstwerden-Wollen, zwischen Leiden und Hoffen: Dem demütig-schüchternen „Was betrübst du dich, meine Seele?“ antwortet der Chor in einer kraftvollen Schlussfuge: „Harre auf Gott!“

Diesem theologischen und musikalischen Höhepunkt der Kantate schaltet der Komponist ein Quintetto von Sopran und Männerquartett voran, das das Gefühl des Bedrängt- und Verlorenseins zum Ausdruck bringen soll. Marret Winger (Sopran) nahm sich angemessen zurück, um die Stimmen der vier jungen Männer zur Geltung kommen zu lassen. Kantorin Dörthe Landmesser setzte auf zwei ganz junge Stimmen, die Schüler Milan Heise (Bass) und Jonathan Zanner (Bass). Klasse, wie die beiden in diesem Quartett ihren Mann standen! Unterstützt wurden sie dabei von Björn Landmesser (Tenor) und Michael Althaus (Tenor). Das war schon ein besonderer Moment in diesem Konzert, als dieses Solistenquartett vor dem fast voll besetzten Kirchenschiff stand, und nicht nur musikalisch und textlich, sondern auch vom Ausdruck und der theologischen Intention her den richtigen Ton traf. Das gilt auch für den Chor, der die Glaubenszweifel mit einem wiederholten „Harre auf Gott!“ kraftvoll hinwegposaunt.

Aber Dörthe Landmesser hatte es in ihrer Konzertgestaltung nicht bei diesem pointierten Fortissimo belassen wollen. Mit Mendelssohns „Verleih uns Frieden gnädiglich“ schuf sie einen stillen Ausklang, der in das Läuten der Totenglocke mündete. Die erste Reaktion aus dem Publikum nach minutenlanger andächtiger Stille und nachdem der letzte Schlag der Glocke verklungen war: „Bravo!“

Auch der „Begräbnisgesang“, ein Frühwerk von Johannes Brahms, überzeugte musikalisch und atmosphärisch, wozu die begleitende Solo-Oboe beitrug. Mit dem einleitenden „O Haupt voll Blut und Wunden“ hatten sich Chor und Orchester sozusagen „warm“ gesungen und gespielt. Der Kantorin ist es gelungen, aus einer fröhlichen Arbeitsatmosphäre heraus (Hatte da nicht jemand zu Beginn des Passionskonzertes „Viel Spaß!“ gewünscht?) ein anspruchsvolles und ernsthaftes Konzert zu entwickeln, das alle „Bravos“, allen Beifall, auch den im Stehen, voll verdient hat.

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erstellt am 04.Apr.2017 | 12:00 Uhr

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