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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2017 | 05:13 Uhr

Justiz : Versuchter Doppelmord aus Eifersucht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

23-jähriger Glückstädter soll Liebespaar niedergestochen haben. Der Angeklagte spricht von Notwehr.

Wegen Mordversuchs muss sich seit gestern ein 23-jähriger Glückstädter vor dem Landgericht Itzehoe verantworten. Aus Eifersucht soll der Mann in der Nacht zum 23.Oktober vergangenen Jahres auf seine Ex-Freundin (21) und deren neuen Freund (20) mit einem Messer eingestochen haben. Beide kamen mit lebensgefährlichen Verletzungen in die Klinik. Der 20-Jährige verlor bei der Messerattacke zwei Liter Blut und musste zweimal wiederbelebt werden. Außerdem wurde ihm in der Neurochirurgie Altona die abgebrochene Messerspitze, die noch im Schädel steckte, wieder herausoperiert.

Der 23-jährige Angeklagte sitzt seit der Tatnacht in Untersuchungshaft. Er wurde gestern von zwei Beamten in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Die Polizei hatte die Tat in ihrer ersten Bewertung noch als versuchten Totschlag eingestuft. Gestern lautete die Anklage des ermittelnden Staatsanwalts Joachim Bestmann auf Mordversuch. Das Merkmal der Heimtücke liegt für den Staatsanwalt vor, weil der mutmaßliche Täter ohne Vorwarnung auf das Paar eingestochen haben soll.

Im Vorfeld der Tat soll es bereits handfeste Drohungen gegen den 20-Jährigen gegeben haben. Zudem soll der Angeklagte seiner Ex-Freundin verboten haben, die neue Beziehung einzugehen. Getrennt hatte sich die 21-Jährige von ihrem gewalttätigen Freund, nachdem er sie zum vierten Mal innerhalb ihrer zweijährigen Beziehung brutal verprügelt hatte. Schon damals bedrohte er sie mit dem Tod und sagte laut Anklage zu ihr: ,,Heute ist der Tag, wo du sterben wirst.“ Dann soll er ihr mit Fäusten ins Gesicht geschlagen haben. Die junge Frau zog daraufhin im September 2016 aus der gemeinsamen Wohnung aus und kehrte zurück zu ihrer Mutter.

Opfer wie Täter kennen sich aus der Glückstädter Drogenszene, so kaufte der 20-Jährige noch zwei Wochen vor der Tat Marihuana bei dem Angeklagten. So kam es zur Tat: Das frischverliebte Paar begab sich in der Tatnacht zur Freizeitanlage für Jugendliche hinter dem Penny-Markt am Molenkiekergang. Dort zog sich das Paar hinter ein Gebüsch zur ersten Liebesnacht zurück. Unbemerkt soll sich der Täter an das Paar herangeschlichen haben. ,,Na, ihr beiden“, hörte die 21-Jährige ihn noch sagen, dann soll der Angeklagte sie zurückgerissen und mehrfach auf sie eingestochen haben. ,,Lauf“, rief ihr der neue Freund noch zu, auf den der mutmaßliche Täter offenbar ebenso ansatzlos einstach. Der 20-Jährige erinnerte sich jetzt vor Gericht, dass ihn der Ältere aufforderte: ,,Zeig mir, was du kannst.“

Die junge Frau rannte währenddessen nach Hause zu ihrer Mutter. ,,Ich bin um mein Leben gelaufen, überall war Blut“, berichtete sie als Zeugin vor Gericht. Mit durchstochener Lunge wurde sie später notoperiert.

Auch der 20-Jährige lief trotz seiner schweren Verletzungen um sein Leben, erst über den Deich, dann den Deich entlang, bis er zusammenbrach. Er rief mit letzter Kraft noch seine Mutter an. Diese informierte den Rettungswagen. Mit seinem in die Höhe gehaltenen Handy wies er den Rettern später den Weg. Kurz bevor er im Krankenhaus ankam, brach sein Kreislauf zusammen. In Brust, Hals und Schädel hatte der Angeklagte Stichwunden. Das Opfer schwebte über Tage in Lebensgefahr.

Selbst sagte der Täter vor Gericht kein Wort. Sein Verteidiger Arne Weller verlas eine Erklärung, wonach der Angeklagte seine Tat bereue, zugleich aber eine andere Geschichte erzählte. Danach habe er die Beziehung beendet, nicht sie. Sie sei ihm nachgelaufen, nicht er ihr. Zudem war die Rede von seiner familiär belasteten Jugend, die ursächlich für sein Schul- und Berufsversagen sowie für seine Drogensucht gewesen sei. Als Anwalt Weller nach gut 15 Minuten endete, hatte er von seinem Mandanten das Bild eines guten Jungen gezeichnet, der an die falschen Leute geriet und den das Leben beutelte. Und zur Ex-Freundin ließ er verlauten: ,,Sie rutschte immer mehr ab, nahm immer mehr Drogen, ich konnte es nicht verhindern.“ Die Tat wertete der Anwalt als quasi Notwehr und zitierte den Angeklagten: ,,Dann nahm der 20-Jährige was Dunkles aus seiner Jacke. Er schlug mit dem Gegenstand in seiner Hand sofort nach mir, ich stach auf ihn ein. Ich wollte niemanden töten. Ich wollte meine Ex-Freundin vor den Drogen bewahren und dem 20-Jährigen eine Abreibung verpassen.“ Seine Ex-Freundin habe die Stiche quasi versehentlich abbekommen, als sie versuchte ihrem neuen Freund zu helfen. Der Prozess wird mit den Aussagen weiterer Zeugen am 9. Mai fortgesetzt.

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