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Verschätzt und zugenäht – das Problem mit den Prognosen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Politiker überlegen, ob sie künftig ohne Kostenschätzungen über Bauprojekte entscheiden sollen

Es passierte bei dem geplanten Anbau eines Lehrerzimmers an der Wolfgang-Borchert-Schule (WBS). Und bei der Erweiterung der Feuerwache in der Hindenburgstraße passierte es wieder: Die Kosten wurden geschätzt, und in der Planung ergab sich eine deutlich höhere Summe. Eine mögliche Abhilfe für die Zukunft: Es wird nicht mehr geschätzt.

Der Kernbegriff ist die Haushaltsunterlage Bau: Erst mit ihr werden die Kosten für ein Projekt ermittelt. Für den Umbau und die Erweiterung der Feuerwache sind dies nun deutlich mehr als fünf Millionen Euro. 3,15 Millionen Euro lautete die Schätzung – und das ließ Carl-Heinrich Peters (IBF) im Hauptausschuss vermuten, es seien Ausgaben außen vor gelassen worden, um das Vorhaben anschieben zu können. Ähnlich hatte sich der Ratsherr zuvor auch schon im Bildungsausschusses geäußert, als der über neue Planungen für das Lehrerzimmer der WBS entscheiden sollte.

Bei der Feuerwache seien aber weder Außenanlagen noch Ausstattung erfasst gewesen, sagte Holger Pump, Leiter des Amtes für Bürgerdienste. Darauf sei in der Vorlage wie immer hingewiesen worden. Zudem seien die Kosten wegen Anforderungen der Feuerwehr nach oben gegangen, ohne dass sich das genau beziffern lasse. Ob sich etwas streichen lässt, sollen jetzt die Gutachter von Forplan beurteilen, die den Feuerwehrbedarfsplan erstellten.

Wie teuer der Umbau der WBS wird, ist ebenfalls unklar. Auf rund 330  000 Euro war der Neubau eines Lehrerzimmers geschätzt worden, der wegen der Zusammenlegung der ehemaligen Realschule mit der Hauptschule Sude nötig geworden war. Mittlerweile werden die Kosten auf 464  000 Euro geschätzt. Grund sind allgemein gestiegene Kosten im Bausektor gegenüber dem Jahr 2012, aus dem die Planungen stammen. Dazu kommen Mehrkosten durch eine neue Honorarordnung, aber eben auch Ausgaben für die Einrichtung, die nicht einkalkuliert waren. Am Ende beschlossen die Mitglieder des Ausschusses nach kontroverser Diskussion, alternative Lösungen zu einem Neubau zu prüfen – etwa einen Durchbruch zwischen Lehrerzimmer und einem Klassenraum. „Vielleicht ist es besser, dass wir künftig gar nicht mehr mit Schätzungen von Baukosten reden, weil die ja doch immer nicht stimmen und es am Ende mehr kostet“, sagte Peters. Auch Bürgermeister Andreas Koeppen warf die Frage auf, ob Schätzungen künftig unterbleiben sollten: „Sie werden immer missverstanden als Kostenberechnung.“ Darüber denken die Fraktionen jetzt nach.

Einen Überblick über die voraussichtliche Höhe der Investition gäbe es dann nicht mehr. Falsch sei es aber auch, wenn von einer Kostensteigerung gesprochen werde, betonte Koeppen. „Wir hatten bisher gar keine Kosten.“ Er ahnt bereits, dass die Politiker auf erste Angaben zu den Ausgaben nicht verzichten wollen, bevor sie ein Projekt auf den Weg bringen. Deshalb wurde im Rathaus gestern besprochen, manche Untersuchung aus dem Verfahren für die Haushaltsunterlage vorzuziehen – etwa die Frage, was Nutzer sich wünschen. Das erhöht aber nicht nur den Aufwand, „es muss immer zu Abweichungen kommen“, so Koeppen. Denn ob die Räume zu den Wünschen passen, kläre sich erst, wenn der Architekt plane. Oder am Beispiel der Feuerwache: Höhere Anforderungen an den Lärmschutz waren zunächst nicht bekannt. „Das sieht man erst, wenn man konkret beginnt mit der Arbeit.“ Hinzu komme die Kostensteigerung durch verstreichende Zeit und neue rechtliche Vorgaben.

Letztlich sei die Frage, was politisch gewollt sei, so der Bürgermeister. „In der Regel steckt eine Notwendigkeit dahinter“, dann koste es, was es koste. Manchmal aber nicht so viel wie gedacht: Der Neubau an der Auguste-Viktoria-Schule und der Umbau der Begegnungsstätte Wellenkamp seien zusammen eine halbe Million Euro günstiger gewesen. Koeppen: „Was wir leider nie diskutieren, ist das, wo wir weniger Geld ausgegeben haben.“

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erstellt am 04.Feb.2015 | 05:00 Uhr

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