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Norddeutsche Rundschau

21. August 2017 | 12:06 Uhr

Fundsachen : Verloren und vergessen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

In der Schule wie im Fundbüro: Abhanden gekommene Sachen werden in Itzehoe so gut wie nie abgeholt.

Dicht an dicht, teils übereinander, hängen die Kinderjacken. Doch es ist nicht die Garderobe vor einem Klassenraum, sondern die Fundgrube in einer kleinen Kammer der Fehrs-Schule. „Es sind gute Sachen dabei“, sagt Hausmeister Norbert Schumann und hält eine Jacke hoch: „Ich bin sicher, dass die richtig Geld kostet.“ Doch es läuft wie fast immer: Niemand fragt nach, niemand holt das Fundstück ab.

Schumann kennt das schon von früheren Stationen an Itzehoer Schulen. In der Grundschule Wellenkamp sei es so gewesen, in der Kaiser-Karl-Schule ebenfalls, obwohl der Hausmeister und er selbst als Stellvertreter die Fundsachen aus 15 Säcken in der Sporthalle ausgebreitet hätten – „sogar sortiert“. Der Erfolg: „Es sind zwei Eltern gekommen.“ Jetzt wird Schumann an der Fehrs-Schule die überquellende Kammer leeren und die Textilien zur Arbeiterwohlfahrt bringen. Wertsachen wie Handys, Uhren oder Schmuck landen ohnehin im Fundbüro der Stadt.

Dort macht Volker Hase dieselben Erfahrungen. Seit zwölf Jahren betreut der 49-Jährige die Fundsachen und stellt fest: „Von dem, was abgegeben wird, wird höchstens ein Prozent abgeholt.“ Eine Statistik hat er nicht, aber ein Gefühl: „Früher wurde mehr nachgefragt.“ Ob Schwellenangst die Ursache ist? Hase weiß es nicht, unterstreicht aber lächelnd: „Es braucht keiner Angst zu haben – wir sind die Netten.“

Das gilt auch für das Abgeben von Fundsachen. Das passiere zwar eher mehr als früher, aber es hänge vom Alter ab: Jüngere kämen seltener. Grundsätzlich tauchten die meisten verlorenen Gegenstände nicht wieder auf, nur ein Bruchteil komme bei dem Fundbüro oder der Polizei an, mit der sich Hase ständig abstimmt. Rund 300 Fundsachen seien es jährlich im Durchschnitt gewesen, in diesem Jahr 100 weniger. „Viel, viel mehr verschwindet tagtäglich“, sagt der Rathaus-Mitarbeiter. Doch in der schnelllebigen Zeit habe niemand Zeit, etwas abzugeben, schrecke womöglich auch vor dem vermeintlichen Aufwand zurück. „Das muss jeder mit sich selbst abmachen“, sagt Hase. Für ihn ist die Abgabe „eine Frage der Ehre“. Wer es nicht tut, kann eine Unterschlagung begehen – aber das ist eher ein theoretischer Fall.

Der Rückgang der Zahlen habe zudem noch einen anderen Grund: Mehr Sachen werden bei den Findern verwahrt. Dafür können sie sich entscheiden, wenn sie einen Eigentumsvorbehalt anmelden. Die Fundsache wird registriert, nach einem halben Jahr gehört sie dem Finder, wenn sich der Verlierer nicht meldet. Wird der Gegenstand so lange vom Fundbüro aufbewahrt, ist dagegen vor dem Eigentumsübergang eine Gebühr fällig. „Das ist wie bei einer Garage oder einem Depot auf der Bank“, sagt Hase. Will der Finder die Sache nicht haben, fällt sie nach einem halben Jahr an die Stadt. Kleider werden gespendet, bei den anderen Sachen ist eine Veräußerung nur möglich mit der Versteigerung, die zwei oder drei Mal im Jahr stattfindet. Diese hinterließ im Oktober bei Hase einen „bitteren Nachgeschmack“, als auch Räder von einigem Wert für fünf Euro verkauft wurden. „Vom Aufwand her lohnt sich das nicht.“ Ein neues Programm ermöglicht bald auch die Online-Versteigerung, doch vorerst wird an der Veranstaltung im Rathaus-Innenhof festgehalten.

Geschäfte, das fällt Hase auf, geben bei ihm keine Fundsachen ab, anders ist es bei Busunternehmen und Schulen. „Je länger eine Fundsache weg ist, desto weniger wird nachgefragt“, sagt er. Auch im Internet auf der Seite der Stadt sind Teile seiner Bestände aufgeführt, die Resonanz ist sehr übersichtlich. „Das lässt darauf schließen, dass wir eine Wegwerf-Gesellschaft geworden sind.“ In der Fehrs-Schule wurde mit dem Weihnachtsbrief noch einmal auf die Fundsachen hingewiesen. „Ich habe die letzten zwei Wochen vielleicht drei Elternteile gesehen“, sagt Hausmeister Schumann. Seine Schlussfolgerung: „Es wird vielleicht viel zu früh neu gekauft.“

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erstellt am 22.Dez.2016 | 05:00 Uhr

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