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Norddeutsche Rundschau

23. August 2017 | 14:36 Uhr

Verbales Gemetzel mit Happy-End

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Schlange der Scheidungswilligen vorm Sitzungsaal des Landgerichts scheint unendlich lang. Aber Jennifer und Michael streiten sich so gewaltig, dass sie in ihren Atempausen die Wartenden bitten, vorgelassen zu werden.

Die Schauspieler Jennifer und Michael, gespielt vom Schauspieler-Ehepaar Jennifer und Michael Ehnert, haben sich vor drei Jahren bei Dreharbeiten zur Krimi-Soap-Opera „Küss langsam!“ kennen und lieben gelernt. Aber ihre Ehe hält nur drei Jahre. Jetzt metzeln sie sich in einem verbalen Psycho-Krieg nieder. Ironische Pointe des Genre-Crossover aus Boulevard-Kömödie, Kabarett, Pantomime, Satire und Volkstheater: Und am Schluss kriegen sie sich, sehr zum Vergnügen des Publikums, doch! Da hat Autor Michael Ehnert noch schnell die Volte geschafft, sozusagen den doppelten Ehnert.

Bühnenbild und Requisiten, überflüssig! Ehnerts Stück lebt vom Wort. Nun könnte man eigentlich vermuten, dass nach Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“, Albees „Virgina Woolfe“ und Bergmanns „Szenen einer Ehe“ das Repertoire der verbalen Tiefstschläge ausgereizt sei. Aber nein, hier wird weiter gekeilt. Die meisten Demütigungsattacken werden subtil gesetzt, sie zünden mit Nachbrenner und wirken dadurch wie ein Mehrfachsprengkopf, der Gefühl und Geist, Identität und Würde gleichzeitig auslöscht. Die Frau begründet die „Entbehrlichkeit des Mannes für die Menschheit“ mit seiner Natur. Er sei eine „planmäßige Missbildung, die schon nach acht Wochen im embryonalen Stadium“ beginne. „Und ich Vollidiot habe für die eine Rippe gespendet!“ ächzt der angeblich Missgebildete, nachdem ihm seine Frau süffisant attestiert hat: „Das einzige, was du in der Hose hast, sind Bügelfalten!“ So keilen sie sich bis zum Jüngsten Tag, wenn nicht besagtes Happy End dem Ganzen ein Ende setzte. Aufgelockert wird der Grobkrieg der „zukünftigen Ex-Gatten“ durch verbalen Spitzentanz, wo sie sich (zum Beispiel) wegen der Auslegung jenes feinsinnigen kleinen Unterschieds der Worte „nicht selten“ und „oft“ in die Plünnen kriegen.

Sehr amüsant, nicht zuletzt wegen des hohen Wiedererkennungswertes typisch männlicher und weiblicher Phrasen, die, mehr oder weniger zugegeben, ein jeder und eine jede im Verbalwaffen-Repertoire hat. Dieses Stück wär doch mal was in der Paartherapie, die statt des ewigen akzeptierenden Zuhörens und des nervenden therapeutischen „Hmm“ mit „Küss langsam!“ so richtig aufgepeppt werden würde! Oder bei Traugesprächen! Oder zur Silberhochzeitsfeier! Ach Quatsch, blödsinnige Ideen aus typisch männlicher Hirnleere!

Ehnerts Fazit der zwei Lehrstunden: „Wer Schmetterlinge im Bauch haben will, muss auch mal eine Raupe schlucken!“



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erstellt am 22.Sep.2014 | 05:00 Uhr

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