Geschichte : Unverzichtbare Erinnerungsarbeit

Verlegen scheiterte am Frost: Gunter Deming überreicht Stolpersteine an Lehrer Hagen Stolp.
Verlegen scheiterte am Frost: Gunter Deming überreicht Stolpersteine an Lehrer Hagen Stolp.

Holocaust-Überlebender Marian Turski bestätigt Kellinghusener in der Aufarbeitung eines dunklen Kapitels Ortsgeschichte.

shz.de von
04. März 2018, 12:04 Uhr

Heutzutage müsse man in Europa wieder Mut haben, gegen Rassismus aufzustehen, lobte Marian Turski die Schüler der Gemeinschaftsschule Kellinghusen für ihre Entscheidung, eine Schule ohne Rassismus und mit Courage zu sein. Drei Tage mit einem vollen Programm verbrachte der 91-jährige Pole mit jüdischen Wurzeln in der Störstadt. Turski ist einer der wenigen heute noch lebenden Häftlinge, die das KZ Auschwitz-Birkenau überlebten.

Mit „großer Ehrfurcht und tiefem Respekt“ begrüßte Bürgervorsteher Malte Wicke den Gast. Wicke unterstrich den Stellenwert einer fortwährenden generationsübergreifenden Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Jahre 1933 bis 1945. „Schüler dieser Schule stellen sich dem Vergessen und Verharmlosen gegenüber und bringen immer wieder die Motivation und den Mut auf, Veranstaltungen und Aktionen mit vielen unterschiedlichen Partnern zu organisieren.“ Zudem gebe es auch 72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs zum Glück immer noch Zeitzeugen wie Marian Turski.

Anlass für dessen Besuch der Störstadt war die Verlegung von Gedenksteinen durch den Künstler Gunter Demnig für drei ermordete polnische Zwangsarbeiter. Im Alter der jetzigen Abiturenten war Stanislaw Burny, als er im April 1945 gemeinsam mit den Kameraden Stanislaw Zbrog und Piotr Skiermont im Arbeitserziehungslager Nordmark von der Gestapo erschossen wurde. Erstmals näher beleuchtet hatte dieses stadtgeschichtliche Thema Walter Vietzen mit seinem Buch „Zwangsarbeitende in Kellinghusen 1939-1945“.

Wegen des strengen Frosts konnte Gunter Demnig die Stolpersteine nun jedoch nicht an den letzten Adressen der Ermordeten auf Gut Luisenberg und vor dem ehemaligen „Patentkrug“ in die Erde setzen. Im Schulforum überreichte er sie stattdessen für eine spätere Verlegung an Lehrer Hagen Stolp.

Bedrückend nah heran zoomte Peter Labendowicz die Nazi-Methoden der Menschenverschleppung. Wie sein Name zeige, habe auch er polnische Wurzeln, erklärte der Kreispräsident. Sein Vater sei mit 17 Jahren „von einem Acker weg“ zwangsverschleppt worden. Zehn Minuten habe die Gestapo der Mutter zum Abschiednehmen gewährt. „Dann ging es nach Westen.“ Wenig habe der Vater später über die Zeit der Zwangsarbeit erzählt. Alt genug, um Fragen zu stellen, erhielt der Sohn keine Antwort mehr. „Da war mein Vater bereits tödlich verunfallt.“ Gegen das Vergessen arbeite er heute als Kreisvorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Die Zeit darf nichts zuschaufeln“, dankte Labendowicz Schülern, Lehrern, dem Kriminalpräventiven Rat sowie der Bürgerinitiative „Kellinghusener Stadtwege zur Mitmenschlichkeit“ für deren Erinnerungs-Projekt.

Reimer Möller, Leiter des Archivs der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, führte die präzise arbeitende Nazi-Bürokratie vor Augen. „Wegen des Verdachts der Organisierung einer Widerstandsbewegung verhaftet, nach Kiel transportiert und erschossen, lautet lapidar ein Vermerk der Kellinghusener Ortspolizeibehörde über das Ende der jungen Leben der Zwangsarbeiter Zbrok, Burny und Skiermont. Menschlichen Nachschub aus eroberten Gebieten lieferte ab 1942 das große Zwangsarbeiterprogramm der NS-Führung. „In Kellinghusen gab es Unterkünfte für wenigstens 163 Ausländer“, erklärte Möller. Mit fest aufgenähten Stoffabzeichen „P“ oder „Ost“ seien die in der Rassenideologie der Nazis als minderwertig eingestuften Angehörigen slawischer Völker besonderen rassistischen Angriffen ausgesetzt gewesen.

Entgegensetzen konnten Zwangsarbeiter und Häftlinge ihren Peinigern nur wenig, bestätigte Turski. Trotzdem hätten kleine Zeichen des Widerstands wie etwa das von dem inhaftierten Schmied Jan Kovac gefertigte, leicht verrutschte „B“ in der Inschrift „Arbeit macht frei“ im Eingangstor des KZ Auschwitz, sie ermutigt, die Produktion durch langsames Arbeiten oder kleine Fehler zu schwächen. Nur so sei der Gedanke erträglich gewesen, die Arbeitskraft für etwas einzusetzen, welches dazu diente, die Menschen im Heimatland umzubringen. Neben bewegenden Begegnungen wird der Kellinghusen-Besuch des Holocaust-Überlebenden durch einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt in Erinnerung bleiben.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen