Austausch : Unterwegs in den Straßen von Soweto

Am anderen Ende der Welt: Marcel Sydow mit seinem Freund Kuthadzo vor einem traditionellen Rondavel in seinem Heimatdorf in Venda.
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Am anderen Ende der Welt: Marcel Sydow mit seinem Freund Kuthadzo vor einem traditionellen Rondavel in seinem Heimatdorf in Venda.

Das Leben im größten Township Afrikas stellt den Itzehoer Marcel Sydow auf die Probe

shz.de von
09. Juli 2015, 04:46 Uhr

Itzehoe | Es ist sechs Uhr morgens. Der Wecker klingelt, aber Marcel Sydow ist längst wach. Überall in den Straßen von Soweto hupen die Minibusse. Seit mehr als sieben Monaten wohnt der 20-jährige Itzehoer im größten Township Südafrikas. Dort arbeitet er für die Hilfsorganisation Copessa. Nach dem Abitur am Sophie-Scholl-Gymnasium wollte er erst einmal raus aus dem Alltag in Deutschland und etwas ganz Neues entdecken, sagt er. „Das subsaharische Afrika sollte es sein.“ Nach einer Menge Bewerbungen landetet er in Südafrika.

Als Weißer ist er im Township „eine echte Berühmtheit“, überall werde er angesprochen. Vielleicht einmal pro Woche sehe er einen anderen Menschen mit weißer Haut; auch 20 Jahre nach Ende der Apartheid existiere die strikte Trennung zwischen schwarz und weiß weiter.

Neun Uhr. Auf zur Arbeit, die Straßen sind ruhig. Copessa setzt sich vor allem für Kinderschutz ein. Sydow arbeitet unter anderem in Gemeinschaftsgärten mit Älteren: „Das ist immer sehr witzig, das beruht vor allem auf den sprachlichen und kulturellen Unterschieden.“ Zu verschiedenen einheimischen Sprachen kommt Englisch, das Ältere aber selten beherrschten. „Das macht nichts, irgendwie versteht man sich immer“, sagt der Itzehoer, der inzwischen auch „ein paar Brocken Isizulu und Sotho“ beherrscht.

Oft esse er im Garten noch Mittag, gestellt von der benachbarten Schule. Maisbrei mit Soße, mit Bohnen, Dosenfisch oder Kohl – „ein richtiges Arme-Leute-Essen“, doch er habe den Brei lieben gelernt. Abends werde abwechslungsreicher gekocht dank des Angebots im Supermarkt. Ähnlich wie in Deutschland sei die südafrikanische Küche deftig und herzhaft. Klassiker wie Kuhmagen, Biltong (Trockenfleisch von Wild) und Hühner-Innereien vom Grill hat Sydow probiert, über Kuh-, Schweine- oder Schafskopf denkt er noch nach.

Vom Garten geht es ins Copessa-Büro, wo der Itzehoer manche kulturelle Kollision erlebt. Acht Stunden ist er am Sonntag gewandert? Das versteht die einheimische Kollegin nicht. Sie dagegen war in der Kirche. Meist dauere das mehr als vier Stunden, erzählt Sydow. „Die Missionare haben hier ganze Arbeit geleistet.“ Viele dächten auch, dass in Deutschland Englisch gesprochen werde, denn von der Existenz der deutschen Sprache wüssten sie nichts.

Nachmittags geben Sydow und seine Mitstreiter Computerunterricht, Hausaufgabenhilfe oder Basketballtraining. Erst seien die Kinder schüchtern, tauten dann aber auf und stellten Fragen – zuerst die nach der Verbindung zur Projektpartnerin. „Dass man hier einfach so für ein Jahr zusammenlebt in einem Haus, das können die Südafrikaner nicht begreifen.“

Immer wieder habe er auf der Straße auf einmal ein kleines Mädchen aus dem Unterricht an der Hand, das dann stolz sei, wenn es Freunde oder Eltern sehen. Besonders gern spielten die kleinen Afrikanerinnen mit seinen blonden und lockigen Haaren. Dass die einheimischen Frauen alle Kunsthaar tragen, werde erst für den geübten Beobachter sichtbar.

In vielerlei Hinsicht sei die Aufklärung mangelhaft, das Bildungssystem sehr schlecht, sagt Sydow. Auch wenn das Land wirtschaftlich gut entwickelt sei, klaffe eine riesige Lücke zwischen Arm und Reich, „da müssen wir uns in Deutschland überhaupt nicht über solche Probleme beschweren“. Gleichzeitig brauchten Südafrikaner Statussymbole: In seiner Straße reihten sich die teuren Autos aneinander. Denn mittlerweile lebe in Soweto auch ein großer Teil der schwarzen Mittelschicht. Er wohne in einem der besseren Viertel, sagt Sydow. „Trotzdem sieht man Armut an jeder Straßenecke. Jugendliche, die im Drogensumpf versinken, und Mädchen, die vor der Schule ihre Kinder in den Kindergarten bringen, sind ein alltägliches Bild.“ Auch wenn er abends einen Club besucht, fällt Sydow mit seiner Hautfarbe auf: Allein deshalb wolle jeder ein Foto mit ihm, zumindest am Anfang. Die Südafrikaner erlebe er als sehr gastfreundlich, das Land habe sehr viel zu bieten. Ständig hört Sydow von Überfällen, doch er fühlt sich in Soweto sicher: „Alles ist so friedlich, dass ich häufig auch mal im Dunkeln alleine vom Fußball gucken bei Freunden nach Hause gehe.“

Ende August wird Marcel Sydow wieder deutschen Boden unter den Füßen haben und aller Voraussicht nach ein Studium beginnen. „Die mehr als sieben Monate haben mich zu so vielen neuen Erkenntnissen kommen lassen, sodass die Zeit mich hier sicher ein Leben lang prägen wird. Ich werde versuchen, wenn ich wieder in Deutschland bin, meine Erfahrungen zu teilen und habe vor, mich aktiv in der Flüchtlingspolitik zu engagieren.“

>Marcels Sydows Blog im Netz unter www.marcelsy.wordpress.com.

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