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Norddeutsche Rundschau

23. September 2017 | 13:15 Uhr

Unterricht in Matjes-Kunde

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Bei einem besonderen Stadtrundgang bringt Torben Mattson Glückstädtern und Touristen die Geschichte des kleinen Silberlings näher

shz.de von
erstellt am 05.Jun.2015 | 15:24 Uhr

Bei den Glückstädter Matjeswochen steht er wieder im Mittelpunkt: der kleine Silberling, der von Glückstadt aus die Herzen von Feinschmeckern in aller Welt erobert hat. Aber gab es den Matjes in Glückstadt schon immer? Und was haben Wale und Jungfrauen damit zu tun?

Das erfahren Teilnehmer des Matjesgangs, einem Rundgang auf den Spuren der Heringsfischerei. Dass er sich damit auskennt, bezweifelt niemand, als Torben Mattson zum Startpunkt an der Stadtkirche kommt.

Mit seinen markanten Koteletten, der Mütze und der norddeutschen Sprachfärbung könnte er gerade selbst einem Fischerboot entstiegen sein. „Ich werde sie eine Stunde durch die Irre führen und zur Belohnung gibt es Aquavit“, verspricht er den Teilnehmern. Bevor es der Fischerei auf den Grund geht, taucht die Gruppe allerdings erst einmal ein in die Geschichte der Stadt, die am Reißbrett entworfen und von König Christian IV. gegründet wurde. Die Teilnehmer erfahren zum Beispiel, dass auf der Turmspitze der Stadtkirche nicht etwa ein Wetterhahn, sondern die Fortuna sitzt – eine heidnische Glücksgöttin auf einem christlichen Gotteshaus, „das ist in Deutschland einmalig“, betont der Stadtführer.

Eine andere Kuriosität ist die „Namenlose Straße“. Die ist nicht etwa Beleg für Fantasielosigkeit. Sie erinnert an die Pest. Die habe so viele Opfer gefordert, dass nicht für jeden ein Grab geschaffen werden konnte, erklärt Torben Mattson. Also wurde in der Mitte der Straße eine Grube für alle ausgehoben. Und weil in der Straße in der Nähe des Hafens fast alle Bewohner dort landeten, sei sie zur namenlosen Straße geworden. Aha! Dieses Detail kannten selbst Einheimische noch nicht.

Der Hafen ist erreicht, jetzt rückt der Hering ins Zentrum. Früher habe Glückstadt vom Walfang gelebt, erklärt Mattson. Die letzten Walfänger kamen 1863 zurück in den Hafen. Um der Arbeitslosigkeit zu entkommen, stieg man um auf die Heringsfischerei. 1893 wurde die „Glückstädter Heringsfischerei“ gegründet. Vom Hafen aus fuhren die Heringslogger in die Nordsee. Die gefangenen Heringe wurden gleich an Bord gekehlt und mit Salzlake in Fässern, den Kantjes, konserviert. Ein Großteil der Innereien wurde entfernt, nur die Bauchspeicheldrüse und der Magen-Darm-Trakt blieben im Fisch. Die darin enthaltenen Enzyme lassen den Hering reifen und machen ihn zart.

Der Name Matjes komme übrigens aus dem Holländischen und bedeute Jungfrau, erläutert Mattson. Denn der Hering wird nur dann ein echter Matjes, wenn er vor der Laichzeit gefangen wird. Und wieder was gelernt.

Die Heringsfischerei-Gesellschaft ist seit den 1970er Jahren Geschichte – doch der Glückstädter Matjes hat überlebt. Zwei Produzenten in der Stadt stellen ihn nach traditionellem Rezept her. Kantjes an Bord sind dafür nicht mehr nötig. Der Fisch wird gleich nach dem Fang schockgefrostet und kann so das ganze Jahr über je nach Bedarf frisch verarbeitet werden, natürlich in Handarbeit.

Das Ergebnis testen die Teilnehmer schließlich selbst. Im „Nettchen“ am Hafenkopf gibt es für jeden ein Matjesbrötchen und einen Aquavit. Mit Genuss beißen Brigitte und Philipp Kern ins Brötchen. Das Ehepaar aus Oberösterreich verbringt anlässlich des 30. Hochzeitstages seinen Urlaub in Schleswig-Holstein. „Es gefällt uns hier sehr“, sagt Brigitte Kern. Und die Führung sei sehr interessant gewesen, sagt Philipp Kern. Man habe gemerkt: „Der Mann kennt sich aus.“

Zwischen den Urlaubern sind Udo und Annegret Nebendahl fast schon Exoten. Seit über 30 Jahren wohnen sie „um die Ecke“ in Krempermoor. Als sie in der Zeitung vom Matjesgang lasen, haben sie sich spontan angemeldet. „Das interessierte uns mal.“ Auch, wenn sie den Geschmack von Glückstädter Matjes längst kennen. „Er schmeckt immer wieder sehr gut.“

Die ständig neue Zusammensetzung der Gruppen macht für Torben Mattson den Reiz aus. Seit drei Jahren ist er als Stadtführer im Einsatz. „Ich bin Glückstädter durch und durch“, sagt er. Trotzdem musste er sich vieles anlesen, damit er die Geschichte und die Geschichten der Stadt den Gästen nun so kompetent wie humorvoll vermitteln kann – ganz egal, ob die aus Krempermoor kommen, aus Österreich oder aus Brasilien. Nur bei einer Frage musste er bislang passen: „Ein Besucher wollte wissen, wo hier die U-Bahn ist.“

>> Nächster Matjesgang: Freitag, 10. Juli, 19 Uhr, Treffpunkt an der Stadtkirche. Kosten: 12 Euro inklusive Matjes-Imbiss. Anmeldung: 04124/937585, info@glueckstadt-dm.de.

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