Pohl-Boskamp in Hohenlockstedt : Unternehmen droht Betriebsrat mit Kündigung

Vorwürfe gegen Pohl-Boskamp: Das Pharmaunternehmen soll laut  Gewerkschaft  seinem gesamten Betriebsrat mit Kündigung drohen. Foto: mal
Vorwürfe gegen Pohl-Boskamp: Das Pharmaunternehmen soll laut Gewerkschaft seinem gesamten Betriebsrat mit Kündigung drohen. Foto: mal

Schwere Vorwürfe gegen ein Hohenlockstedter Pharmaunternehmen: Die Firma Pohl-Boskamp soll laut Gewerkschaft ihrem gesamten Betriebsrat mit Kündigung drohen.

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20. Juni 2013, 10:46 Uhr

Hohenlockstedt | Schwere Vorwürfe erhebt die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie Bezirk Schleswig-Holstein gegenüber dem Pharmaunternehmen Pohl-Boskamp: Wie aus einer Pressemitteilung der IGBCE hervorgeht, will die Firma ihrem gesamten Betriebsrat kündigen. Eskaliert sei die Situation, weil die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrates nicht beachtet würden, erklärte Betriebsratsvorsitzender Tobias Klaassen gegenüber dem sh:z. Bei Angelegenheiten wie Überstunden oder Arbeitszeit beispielsweise bedürfe es der Zustimmung des Betriebsrates. "Wenn wir Rechte einfordern, eskaliert die Situation aber jedes Mal." Die Geschäftsführung würde dann als Druckmittel die freiwilligen sozialen Leistungen benutzen.
Obwohl die Firma kein tarifgebundener Betrieb ist, zahle sie Urlaubs- und Weihnachtsgeld, drohe bei Eskalationen aber immer wieder damit, diese zu kürzen, so Klaassen. Der Betriebsrat erklärte, dass er sich in der Ausübung seiner Rechte nicht erpressen ließe. Als er sich außerdem schriftlich äußerte, dass er sich durch die Geschäftsführung in seiner Arbeit eingeschränkt fühle, lagen bei Klaassen die Anträge zur Kündigung aller neun Betriebsratsmitglieder auf dem Tisch.

42 Unterlassungserklärungen

Zum vorläufigen Höhepunkt in einem länger anhaltenden Konflikt um die Erbringung von freiwilligen sozialen Leistungen des Arbeitgebers kam es kurz vor dem vergangenen Wochenende. Laut Pressemitteilung bekam Klaassen von dem Anwalt der Geschäftsführung, Corvin Fischer, die Anhörung zur fristlosen Kündigung der Betriebsratsmitglieder übermittelt. Mit der gleichen Begründung erhielten alle Betriebsräte am Wochenende jeweils 42 Unterlassungserklärungen. Bereits vor mehreren Wochen sollte einem einzelnen Betriebsratsmitglied fristlos gekündigt werden. Der Betriebsrat widersprach ordnungsgemäß, die Richter am Arbeitsgericht Elmshorn gaben dem Betriebsrat recht. Der Betriebsrat wird dem Antrag auf die eigene fristlose Kündigung widersprechen, kündigte Klaassen an. Pohl-Boskamp könne dann vor das Arbeitsgericht gehen.
Zu dem Eklat äußerte sich Ralf Erkens, Bezirksleiter IG BCE Schleswig-Holstein: "Bei Pohl-Boskamp soll wohl an den Betriebsräten ein Exempel statuiert werden, hier geht es nicht mehr um einen normalen Konflikt im Arbeitsleben. Das Arbeitsleben ist kein Ponyhof - Konflikte können sich immer mal wieder hochschaukeln. Es gibt aber hilfreiche Werkzeuge, die Konflikte im Betrieb befrieden. Wir kennen die Geschäftsführerin als eine tüchtige, kreative und engagierte Geschäftsfrau - umso mehr besorgt uns diese Art des Umgangs mit dem demokratisch gewählten Betriebsrat. Es ist für alle Beteiligten wichtig, dass wir rasch wieder zu den üblichen Umgangsformen im Arbeitsleben zurückfinden - die Türen des Betriebsrates und der IG BCE für Gespräche stehen dazu immer offen!"

"Das Verhalten der Geschäftsleitung macht mich fassungslos"

Tobias Klaassen: "Die Vorgehensweise der Geschäftsleitung ist für uns nicht mehr nachvollziehbar. Immer wieder haben wir in Gesprächen und Mitteilungen darauf hingewiesen, dass der Betriebsrat die konstruktive Zusammenarbeit will und einen gemeinsamen Konsens, auch anhand von Kompromissen, sucht. Die derzeitige Situation schadet den Mitarbeitern, der Geschäftsführung selbst und am Ende vor allem unserem Unternehmen." Laut Pressemitteilung werden nicht nur die eigenen Betriebsräte aus dem Unternehmen verbannt. DGB-Chefin Schleswig-Holstein NordWest Dr. Susanne Uhl sei ohne Grund ein Haus- und Hofverbot erteilt worden. Dr. Susanne Uhl: "Das Verhalten der Geschäftsleitung macht mich fassungslos. Bis letzte Woche konnte ich mir ein solches Verhalten wie das Hausverbot nicht vorstellen, denn unser Umgang war bisher ein freundlicher. Und noch ist es ja auch so, dass die Geschäftsführung ob ihres sozialen Engagements in der Region einigen Respekt genießt. Ob dies nach den Geschehnissen der letzten Tage so bleiben wird, wird die Zukunft zeigen."
Das Unternehmen mochte am Dienstag auf telefonische Anfrage keine Stellung zu dem Vorfall und zu den Vorhaltungen von Betriebsrat und Gewerkschaft beziehen. Entsprechende Anfragen, so hieß es in einer Reaktion, könnten schriftlich gestellt werden.

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