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25 Jahre Mauerfall : „Unsere Tochter ist jetzt eine Ossi“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Im Jubiläumsjahr des Mauerfalls wird alles wieder lebendig – die innerdeutsche Geschichte des Münsterdorfer Ehepaars Schneider.

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2014 | 16:05 Uhr

Es gibt Lebensgeschichten, die kann nur der Bau und dann Fall der innerdeutschen Mauer so schreiben. Zum Beispiel die Geschichte des Ehepaars Schneider aus Münsterdorf. „Überall wird jetzt wieder davon berichtet. Da wird alles wieder lebendig“, sagt Dietlinde Schneider. Die heute 65-Jährige war im August 1961 als junges Mädchen gemeinsam mit ihrer Mutter und drei kleinen Geschwistern in den Westen geflüchtet – nur wenige Stunden bevor sich der eiserne Vorhang schloss. „Wir wussten das damals nicht. Es war wohl eine Eingebung.“ Der Vater schaffte die Flucht ein Jahr später. „Er kam mit Verletzungen durch den Stacheldraht und stand dann plötzlich bei seiner Familie vor der Tür.“

Leicht sei ihr als Kind der Abschied nicht gefallen. „Ich konnte ja nicht einmal Tschüss sagen.“ Den Kontakt zu ihren beiden Freundinnen aus Kindheitstagen hat sie aber nie abgebrochen. „Wir konnten uns zwar nicht sehen, haben aber immer Päckchen geschickt. Ich mit Bildern, die ich aus der Bravo ausgeschnitten habe.“

Ehemann Frank erinnert sich noch immer mit leichter Gänsehaut, dass er in der DDR einst als „Staatsfeind Nummer 1“ eingestuft worden sei. Und das als 17-Jähriger. Weil der heute 71-Jährige damals gerne studieren wollte, musste er sich als Freiwilliger bei der Nationalen Volksarmee (NVA) melden. Als Soldat hätte er dann aber jeden Kontakt zu den in Kiel lebenden Großeltern abbrechen müssen. „Das wollte ich aber nicht“, blickt Frank Schneider zurück. Auch er packte die Koffer und verschwand in den Westen. Soldat wurde er dann aber trotzdem. Bei der Bundeswehr. Zwölf Jahre lang schob er als Zeitsoldat Dienst bei den Heeresfliegern am Hungrigen Wolf.

Zuvor hatte er in der Landeshauptstadt aber seine Dietlinge kennengelernt. Seit 1979 wohnt das Paar nun in Münsterdorf. Hier – und ganz besonders um den 9. November herum – holt die beiden aber immer wieder die Vergangenheit ein. „Unsere Tochter ist jetzt eine Ossi“, schmunzelt die 65-Jährige. Während sie damals Ostdeutschland den Rücken gekehrt hatte, lebt die 42-Jährige mit ihrer Familie nun in Mecklenburg-Vorpommern. „Ihr Haus steht genau auf dem ehemaligen Todesstreifen.“ Davon ist im Lüdersdorfer Ortsteil Herrnburg allerdings nichts mehr zu sehen. „Und unser Sohn Dirk hat eine Brandenburgerin geheiratet“, berichtet die Münsterdorfern von einer weiteren familiären Ost-West-Verbindung, die ohne den Fall der Mauer gar nicht möglich gewesen wäre.

„Ich war nach der Sendung richtig aufgewühlt“, erzählt Dietlinde Schneider, wie sie sich am Mittwoch nach der ARD-Tragikomödie „Bornholmer Straße“ gefühlt habe. Überhaupt wird gerade rund um das Mauerfall-Jubiläum die eigene Geschichte immer wieder lebendig. „Ich war zuhause und habe im Radio was von Unruhen und Menschenmassen gehört“, erinnert sie sich noch gut an den geschichtsträchtigen Tag vor 25 Jahren. „Später habe ich dann dagestanden und geheult.“ Für Ehemann Frank waren die Ereignisse am 9.November 1989 eine riesige Überraschung. „Ich habe eigentlich nie daran geglaubt, dass die beiden Teile noch einmal zusammenwachsen.“ Dietlinde Schneider berichtet aber auch von einer Art Vorahnung, die sie gehabt haben müsse. 1987 hatte sie – damals noch via Transitstraßen - erstmals wieder ihre alten Freundinnen aus Kindertagen, Doris und Ellen in der früheren Heimat in Schwedt an der Grenze zu Polen, besuchen können. „Damals habe ich den beiden gesagt: Das dauert nicht mehr lange.“ Tatsächlich war die Grenze zwei Jahre später offen. Und ihren Geburtstag am 30. November 1989 konnte sie gemeinsam mit ihren Freundinnen feiern.

Die Flucht in letzter Sekunde, die glückliche Begegnung mit ihrem späteren Ehemann in Kiel, die Tochter, die übrigens einen Tag vor dem offiziellen Tag der Einheit Geburtstag feiert, auf dem ehemaligen Todesstreifen und der Sohn mit familiärer Bande nach Brandenburg: eines von tausenden Schicksalen, die die innerdeutsche Geschichte geschrieben hat. Wenn diese Geschichte nur ein bisschen anders verlaufen wäre, würde das Ehepaar Schneider auch nicht Dauergast bei einer Großveranstaltung sein, die in diesem Jahr ebenfalls ihr 25-jähriges Jubiläum feierte. Dietlinde und Frank Schneider ließen sich von Sohn Dirk mit dem Wacken-Bazillus anstecken. Seit sieben Jahren genießen sie eine der wohl friedlichsten Massenveranstaltung in Deutschland. Nächstes Jahr wollen sie wieder zum Wacken Open Air. Gerne wären sie an diesem Wochenende wohl auch zu den Feierlichkeiten nach Berlin gereist. „Nur leider streiken ja die Lokführer“, bedauert Dietlinde Schneider. Dafür steht aber wohl einem Geburtstags-Besuch am 30. November nichts im Wege – auch keine innerdeutsche Grenze mehr.

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