Ehrenamt : „Unser Dank ist längst überfällig“

Engagieren sich gern für die Flüchtlinge: Lothar und Luise Nerlich.  Fotos: Mehlert
Engagieren sich gern für die Flüchtlinge: Lothar und Luise Nerlich. Fotos: Mehlert

Landrat Torsten Wendt lädt die Flüchtlingshelfer aus dem Kreis Steinburg zum ersten Ehrenamtsempfang ein.

shz.de von
31. August 2018, 13:26 Uhr

Eine Stellenbeschreibung für einen Flüchtlingshelfer gibt es nicht. Zu erfüllen wäre das Anforderungsprofil ohnehin kaum. Und die Leistung? Unbezahlbar. Darum hatte Landrat Torsten Wendt das Bedürfnis, einmal laut „Danke“ zu sagen.

„Und dieser Dank ist längst überfällig“, betonte Wendt, der zum ersten Ehrenamtsempfang eingeladen hatte. Gut 100 Flüchtlingshelfer, die vor drei Jahren noch als Lotsen im Behördendschungel tätig waren und heute die Flüchtlinge als erfahrene Partner auf dem Weg zu einer gelungenen Integration begleiten, waren der Einladung in den Kreistagssaal gefolgt. Zunächst ging Wendt noch einmal auf die unerwartet hohe Flüchtlingswelle vor drei Jahren ein. „Für Ämter, Kommunen und Kreis war die Lebenslage Flucht eine besondere und komplexe Herausforderung“, sagte er. Umso dankbarer sei er, dass in der Region zur selben Zeit etwas Beispielloses einsetzte. Zahlreiche Steinburger boten ihre Hilfe an. „Ohne Ehrenamt und die kreisweite Unterstützung wäre vieles nicht möglich gewesen.“ Die Zuflucht suchenden Menschen waren angewiesen auf persönliche Ansprechpartner, zu denen auch Otto Reese gehörte. Der 84-Jährige betreute anfangs vier Familien. „Ich habe die Kinder in den Kindergarten und zur Schule gefahren und habe die Familien bei all ihren Behördengängen begleitet“, erzählte der ehemalige Bürgermeister der Gemeinde Mehlbek, der noch heute einer armenischen Familie aus Kaaks als „gute Seele“ zur Seite steht und seine Freizeit dafür. „Ich würde jederzeit wieder meine Hilfe anbieten, einiges aber sicherlich anders machen“, fügte er hinzu.

Als Flüchtlingshelfer engagieren sich auch Lothar (72) und Luise (71) Nerlich aus Kiebitzreihe. Meist seien Jesiden (religiöse Minderheit) in ihre Gemeinde gekommen. Und diese erhielten durch einen großen Helferkreis Unterstützung und beteiligen sich noch heute gern an dem monatlichen Stammtisch mit den Dorfbewohnern.

„Ich glaube, dass viele Menschen bei uns im Kreis durch die Schicksale beeindruckt gewesen sind und spontane Hilfe anboten. Das ehrt Sie alle sehr“, so der Landrat weiter. Doch: „Die richtig schwierige Arbeit geht jetzt erst los – die Integration.“ Wendt befürchtet, dass es zu einer Ghettoisierung kommen könnte. „Flüchtlinge werden sich nach Ethnien und Völkergruppen zusammenschließen, um ihr Leben zu organisieren, aber sie dürfen nicht unter sich bleiben“, unterstrich er. Denn der Kontakt zur deutschen Bevölkerung sei für eine gelungene Integration besonders wichtig. Daher hoffe er, dass die ehrenamtlichen Helfer dabei bleiben und nicht an der Bürokratie verzweifeln werden. „Ich kann die Gesetze nicht ändern. Vor Ort aber versuchen wir, pragmatische und sinnvolle Lösungen zu finden.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen