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Urteil : Unfallfahrer schuldig – aber ohne Strafe

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der 19-Jährige, der 2013 den folgenschweren Zusammenstoß mit drei Toten auf der Störbrücke verursachte, wurde verurteilt – aber er muss nicht ins Gefängnis.

Er hat das Leben seiner 36-jährigen Mutter und seines sechsjährigen Bruders sowie einer 72-jährigen entfernten Verwandten auf dem Gewissen. Das wird den 19-Jährigen sein Leben lang verfolgen – und damit ist er gestraft genug. Deshalb sprach Richter Andreas Wagner den Husumer, der am 2. September 2013 den schweren Unfall auf der Störbrücke verursacht hat, jetzt am Amtsgericht Itzehoe zwar der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung schuldig, verzichtete aber auf die Verhängung einer Strafe.

Zeugenaussagen hatten keine genauen Angaben geliefert, doch das Gutachten des Dekra-Sachverständigen ließ für Staatsanwalt Sebastian Fehr keinen anderen Schluss zu: „Der Unfall ist passiert, weil der Angeklagte auf die Gegenfahrbahn gekommen ist.“ Mindestens 50 Meter fuhr er mit seinem Audi dort, bevor es zum Frontalzusammenstoß mit einem VW Passat kam. Die drei Verwandten des Husumers kamen als Folge des Unfalls ums Leben. Ein Gutachten hatte bescheinigt, dass die 72-Jährige, die am Unfallort für tot erklärt worden war, später aber doch wieder Lebenszeichen zeigte und schließlich zwei Tage später starb, auch bei sofortiger Versorgung keine Überlebens-Chance gehabt hätte. Vier weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Auch der Angeklagte selbst musste 14 Tage im Krankenhaus bleiben.

Ein fünf- bis achtsekündiges „Reaktionsdefizit“ bescheinigte das Gutachten dem Unfallfahrer. Doch wodurch dieses ausgelöst wurde, konnte nicht geklärt werden. Der Angeklagte selbst schwieg während des Prozesses. Er könne sich an den Unfall nicht mehr erinnern, erklärte sein Anwalt. Und auch die weiteren Zeugen, die für den zweiten Prozesstag geladen worden waren, brachten kein Licht ins Dunkel. Die beiden jüngeren Brüder machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch und erschienen gar nicht erst. Und ein Elfjähriger deutete unter Ausschluss der Öffentlichkeit nur an, dass die Insassen des Audi vorher auf einer Feier waren. Unmittelbar nach dem Unfall hieß es, die Familie armenischer Herkunft sei auf dem Rückweg von einer Hochzeit gewesen.

Die plausibelste Erklärung sei, dass der Fahrer eingeschlafen sei, meinte Staatsanwalt Fehr. Das hätte dem 19-Jährigen zusätzlich den Vorwurf der Gefährdung des Straßenverkehrs eingebracht. Das könne jedoch nicht nachgewiesen werden. Einen technischen Defekt am Wagen, den Verteidiger Sigurd Fabig nicht als ausgeschlossen ansah und deshalb auf Freispruch plädierte, hielten sowohl Fehr als auch Richter Wagner für nicht plausibel. Doch egal, ob es Sekundenschlaf oder Unaufmerksamkeit aufgrund von Ablenkung war – „jede Ursache ist als fahrlässig anzusehen“, meinte der Staatsanwalt. Der Angeklagte sei vorher noch nie auffällig geworden und durch die Folgen des Unfalls selbst „völlig am Ende“. Er wollte sich das Leben nehmen, leidet unter Alpträumen und ist in Therapie. „Von einer Jugendstrafe sind wir weit entfernt“, sagte Fehr. Doch weil nicht nur Angehörige, sondern auch weitere Personen zu Schaden kamen, wollte er den Angeklagten dennoch nicht ungeschoren davon kommen lassen. Er forderte eine Verwarnung sowie die Teilnahme an einem Verkehrssicherheitstraining.

Auch Richter Wagner sah das Verschulden des 19-Jährigen – zur Fahrlässigkeit gehöre auch, dass er das Auto mit sieben Personen überbesetzt und nicht dafür gesorgt hatte, dass die Insassen angeschnallt waren. Doch der Angeklagte habe durch den Unfall und die Folgen „einen erheblichen Rucksack“ zu tragen. „Er wird sein Leben lang damit zurecht kommen müssen, das wird schon schwer genug werden“, sagte Wagner. „Das Problem ist, dieser Tat in irgendeiner Form gerecht zu werden.“ Man könne sie nicht mit erzieherischen Maßnahmen packen. „Eine Strafe wäre verfehlt, weil wir keinen Zweck damit erreichen können.“

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erstellt am 02.Mai.2014 | 05:00 Uhr

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