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Urteil in Norderstedt : Unfall mit zwei Toten: Bewährungsstrafe für Ferrari-Fahrer

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Mit mindestens 110 km/h schießt ein Ferrari in Norderstedt auf die Gegenfahrbahn und stößt mit einem Kleinwagen zusammen. Zwei Menschen sterben. Der Richter sieht in dem Fahrer „Täter und Opfer“ und gibt Bewährung.

shz.de von
erstellt am 10.Jun.2015 | 16:17 Uhr

Norderstedt | Zu Beginn dieses ungewöhnlichen Prozesses lässt der angeklagte Ferrari-Fahrer, der durch einen von ihm verschuldeten Verkehrsunfall in Norderstedt (Kreis Segeberg) das Leben von zwei Menschen auslöschte, von seinem Anwalt eine persönliche Erklärung verlesen. Der 60-Jährige fürchtet, ihm könnte die Stimme versagen. Er sei von dem Unfall nach wie vor stark erschüttert und könne den fortwirkenden Schmerz gar nicht in Worte fassen.

Seine Lebensgefährtin (59), mit der 38 Jahre zusammen lebte, und die 57-jährige Fahrerin eines Kleinwagens waren bei dem Unfall 2013 gestorben. Wegen fahrlässiger Tötung verurteilte ihn das Amtsgericht Norderstedt am Mittwoch zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Und er muss 30.000 Euro an soziale Einrichtungen zahlen.

Der 60-Jährige bereut: „Ich habe mich verleiten lassen, zu schnell zu beschleunigen.“ Er habe sich wegen der technischen Ausstattung seines Autos sicher gefühlt. „Ich möchte die Öffentlichkeit nutzen, um mich zu entschuldigen bei der Familie des umgekommenen Unfallopfers.“ Es tue ihm unendlich leid.

Für Richter Jan Willem Buchert ist der Verurteilte „Täter und Opfer zugleich“. Zwar habe der Gutachter in dem ausgebrannten Ferrari nicht mehr feststellen können, ob möglicherweise technische Sicherheitssysteme ausgefallen seien und den Unfall mitbeeinflusst haben könnten. Aber: „Sie sind derjenige, der hinter dem Steuer saß, der entschieden hat, ich beschleunige jetzt und der durch einen unbedachten Moment zwei Menschen auf dem Gewissen hat.“

Seit mehr als 20 Jahren fährt der zum Zeitpunkt des Unfalls 58-Jährige (Kreis Segeberg) hochmotorisierte Sportwagen - Porsche, Maserati, Lamborghini. Er hat diverse Sicherheitstrainings absolviert, doch dann passiert der Unfall am 29. Dezember 2013 um 13.11 Uhr mit zwei Unfalltoten. „Meine Lebensgefährtin und ich kamen vom Kaffeetrinken und wollten nach Hause“, berichtete der Unfallfahrer.

Hinter einer Ampel in Norderstedt (Kreis Segeberg) beschleunigt er rasant seinen roten Ferrari Spider, der Wagen bricht nach links aus, gerät auf die Gegenfahrbahn. Versuche, noch weiter nach links auf den Standstreifen auszuweichen, sind vergeblich.

Der Ferrari 458 Spider F 143 mit 570 PS stößt mit einem Kleinwagen zusammen, landet im Graben und fängt Feuer. Der Kleinwagen wird 30 Meter „zurückkatapultiert“, wie Gutachter Thomas Hilker sagt. Die Frau stirbt noch am Unfallort, die Lebensgefährtin des Unfallfahrers im Krankenhaus.

Der Angeklagte mit Drei-Tage-Bart trägt ein weißes Hemd, eine schwarze Hose und eine schwarze Lederjacke. Konzentriert, oft mit unbewegter Miene verfolgt er die mehrstündige Verhandlung.

Ein Zeuge sagt aus, die Reifen des Ferrari hätten „radiert“, so schnell habe der Unfallfahrer beschleunigt. Der Ferrari braucht nur 3,4 Sekunden, um von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde zu kommen. Für Hilker muss das Fahrzeug mindestens 110 Kilometer pro Stunde gefahren sein, der Unfallfahrer schätzte sein Tempo auf 80 bis 90. Erlaubt waren auf der Straße 60 Kilometer pro Stunde.

Trotz feuchter, schmieriger Fahrbahn, nicht ganz griffigem Straßenbelag und technischer Ungeklärtheiten kommt der Gutachter zu einer klaren Schuldzuweisung: „Das Entscheidende bleibt das Fahrverhalten des Angeklagten, dass er, salopp gesagt, auf den Pinsel getreten hat.“ Einer der beiden Verteidiger verweist darauf, dass sich auf dieser Straße in den vergangenen Jahren unerklärlich viele Unfälle ereignet hätten.

In einem Brief an die Familie der umgekommenen Fahrerin hat sich der Ferrari-Fahrer entschuldigt, in einem bewegenden Ton, wie Richter Buchert anerkennt. Auch die Staatsanwältin nimmt dem Angeklagten die Reue ab. Strafmildernd für den Richter ist zudem, dass der Unfallfahrer ein unbescholtener Bürgern gewesen sei - er hatte nicht mal Punkte in Flensburg.

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