sea shepherd : Unerbittlicher Kampf gegen japanische Walfänger

Februar 2013: Die japanische „Nisshin Maru“ rammt das Sea-Shepherd-Schiff „Bob Barker“.
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Februar 2013: Die japanische „Nisshin Maru“ rammt das Sea-Shepherd-Schiff „Bob Barker“.

Meeresschützer von Sea Shepherd starten zehnte Kampagne in der Antarktis – und Deutschland-Geschäftsführer Sven „Maddy“ Matthiessen aus Itzehoe ist dabei.

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23. November 2013, 16:00 Uhr

Er ist dann mal weg. Sein Tätowierstudio am Itzehoer Sandberg hat Sven Matthiessen bis ins kommende Frühjahr geschlossen. Die Erklärung hängt im Fenster: „Ich bin in der Antarktis und versuche, Wale vor den Harpunen der japanischen Walfangflotte zu retten.“ Der
44-Jährige, von aller Welt nur „Maddy“ genannt, ist der deutsche Geschäftsführer der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd.

Verheiratet, zwei Katzen, so beschreibt der Itzehoer seine Lebenssituation. Früher einmal, da war er Elektroniker in der Druckerei, die damals noch Gruner + Jahr hieß. Vor 16 Jahren eröffnete der Mann mit der blonden Punkfrisur sein Tätowier- und Piercingstudio am Sandberg. Und vor fünf Jahren habe er begonnen, sich mit Meeresschutz auseinanderzusetzen. Im Fernsehen sah er „Whale Wars“ – die Reality-Serie dokumentiert die Antarktis-Kampagne von Sea Shepherd. Seine Reaktion: „Die sind doch völlig verrückt! Wie kann man mit kleinen Schlauchbooten gegen ein großes Stahlschiff angehen?“ Andererseits habe ihm das imponiert: Es gebe Menschen, die sich selbstlos einsetzen und dabei sehr viel riskieren, um etwas zu schützen und zu erhalten. Das sei auch sein Selbstverständnis, sagt Matthiessen. Und er stieg ein.

Sea Shepherd unternimmt mehr als Protest auf „Schildchen“, wie er sagt. 1977 trennte sich Paul Watson von Greenpeace und gründete den Vorläufer von Sea Shepherd. Aktionen wie das Rammen von Walfangschiffen oder das Besprühen von Robbenfellen mit Farbe machten weltweit Schlagzeilen. Heute gehe es um die Meere und ihre Bewohner insgesamt, sagt Matthiessen. Einfache Rechnung: „Wenn die Ozeane sterben, werden wir alle irgendwann daran sterben.“ Denn sie filterten mehr Kohlendioxid als die Regenwälder.

Jahr für Jahr engagierte sich der Itzehoer mehr. Seit gut einem Jahr ist er als Angestellter Geschäftsführer des deutschen Sea-Shepherd-Vereins. Drei Mal sei ihm das angeboten worden, sagt der 44-Jährige. Schließlich nahm er an: So lange habe er es aufgebaut, „man hängt so ein bisschen daran“. Sein Tätowierstudio betreibe er nun nebenberuflich. Das habe finanzielle Einbußen zur Folge, dafür habe er eine Aufgabe, die richtig Spaß mache und von der er überzeugt ist. Und es gebe bleibende Erfolge – „wie beim Tätowieren“. Die zehnte Kampagne in der Antarktis läuft an: „Insgesamt haben wir schon über 5000 Wale gerettet.“

Der Itzehoer war das erste Mal im Januar 2012 dabei, acht Wochen lang. Als Quartermaster arbeitete er auf der Brücke der „Steve Irwin“, kümmerte sich um Kommunikation, Navigation und vor allem um das Radar. Ob er sich damit auskannte? „Null – aber es wird einem alles erklärt auf dem Schiff.“ Auch für die jetzt anlaufende zehnte Kampagne kommen wieder Freiwillige aus aller Welt ins australische Melbourne. Drei Schiffe werden im Dezember in die Antarktis starten. Vier Stunden Wache, acht Stunden frei, das wird Matthiessens Rhythmus. Drei Mal am Tag bekommt die Besatzung eine vegane Mahlzeit, alle drei Tage dürfen sie für drei Minuten die Dusche nutzen. Kontakte nach außen gibt es kaum, auch aus taktischen Gründen, um nichts zu verraten. Von Australien aus gehe die Sea-Shepherd-Crew auf Abfangkurs, um das japanische Fabrikschiff „Nisshin Maru“, Flaggschiff der Walfangflotte, möglichst früh zu finden. Was dann folge, sei ein Katz-und-Maus-Spiel.

Da sieht die Arbeit zu Hause in Deutschland ganz anders aus. „Maddy“ koordiniert sie mit seinem Bremer Kollegen Manuel Abraas, der ihn jetzt während der Kampagne auch vertritt. Bei 13 stimmberechtigten Mitgliedern habe der Verein 600 Fördermitglieder und verfüge über rund 160 Freiwillige. „Man wollte alles und musste erstmal sehen: Wo fängt man an?“, schildert der 44-Jährige. Schweinswale seien hier ein Thema, das aber nur über die gesellschaftliche und politische Schiene zu beackern sei. Jede Gruppe weltweit mache das, wo sie Möglichkeiten zum Handeln sehe. Sea Shepherd Deutschland engagiert sich mit „Beach-Cleanups“, dem Reinigen von Ufern: „Es ist erstaunlich, welche Massen da zusammenkommen und vor allem, was alles weg geschmissen wird.“

Im Mittelpunkt der Aktivitäten steht aber das Sammeln von Spenden, auch durch den Verkauf von Merchandise-Artikeln mit dem auffälligen Totenkopf-Logo der Organisation. Letzteres finanziert die Vereinsarbeit, der Überschuss gehe wie die Spenden in die Kampagnen.

Zum Beispiel die Patrouillen am Meeresschutzgebiet auf den Galapagos-Inseln. Das Weltnaturerbe müsse vor der Ausbeutung geschützt werden, heißt es auf der Internetseite von Sea Shepherd: „Die Galapagos-Inseln sind unsere rote Linie. Wenn die Menschheit nicht in der Lage ist, ein so einzigartiges und vielfältiges Ökosystem zu schützen, werden wir nicht in der Lage, irgendein Ökosystem zu schützen.“

Oder die Verteidigung der Grindwale auf den Färöer-Inseln. Der Kampf gegen illegale Schleppnetze und die Überfischung, die zum Beispiel den Blauflossenthunfisch im Mittelmeer auszurotten drohe. Oder die Dokumentation der Jagd auf Delfine in der japanischen Taiji-Bucht. Sea Shepherd nimmt für sich in Anspruch, das jährliche Gemetzel vor zehn Jahren erst bekannt und berüchtigt gemacht zu haben, das im Oscar-prämierten Film „Die Bucht“ dokumentiert wird. Seit 2010 sind Buchtwächter vor Ort. Dabei gehe es nicht nur um das Töten, sondern auch das Fangen, erklärt Matthiessen: Investigativ werde die Kette der Delfin-Unterhaltungsindustrie dokumentiert. „Man sieht, wozu Menschen fähig sind, wenn es ums Geld geht.“ Er könne sich keinen Familienvater vorstellen, der diese Informationen habe und dennoch mit seinen Kindern ins Delfinarium gehe. Da seien Touren auf dem Meer zur Wal- oder Delfinbeobachtung deutlich besser.

Global ist Sea Shepherd tätig, doch die aufwändigste Aktion findet am Ende der Welt statt. „Maddy“ ist Teil der zehnten Kampagne zum Schutz der Wale in der Antarktis, die nach seinen Worten 2,5 Millionen US-Dollar kostet. Die Organisation hat viele renommierte Unterstützer, zum Beirat gehören zum Beispiel Filmstars wie Pierce Brosnan und Sean Connery. „Operation Relentless“ heißt die Kampage in der Antarktis – denn unerbittlich ist das Vorgehen gegen die Walfänger aus Japan. Aber nur gegen ihr Material, wie der Itzehoer betont: Aggressiv, doch nicht gewalttätig, das sei das Motto.

Die Harpunenschiffe seien schnell und wendig, doch die Sea-Shepherd-Aktivisten versuchen, ihnen das Leben schwer zu machen. Rauchbomben kommen zum Einsatz, auch Stinkbomben mit Buttersäure, die die Verarbeitung der Wale verhindert, weil das Deck erst gründlich gereinigt werden muss. Besonders waghalsig ist der Versuch, Leinen in die Schiffspropeller zu befördern. Alle an Bord wollten in den Schlauchbooten mitfahren, schildert Matthiessen, dessen Platz aber wieder die Brücke sein wird. Auch Helikopter werden eingesetzt für die Aktionen und die Dokumentation.

Erstes Ziel ist es, die Tötung der Wale zu verhindern. Die Japaner verwendeten Harpunen mit Granaten, die Folge sei ein „ganz erbärmlicher Todeskampf“, bevor das Tier auf dem Sushi-Teller lande, sagt der Itzehoer. Treffer der Harpunisten sind nicht immer zu verhindern – dann platziert Sea Shepherd ein Schiff zwischen dem Harpunen- und dem Fabrikschiff, damit die Beute nicht transferiert werden kann. „Das haben wir mal 35 Tage durchgezogen.“ Irgendwann müssten die Japaner das Tier von der Bordwand schneiden. Auf die gleiche Weise versuchen die Aktivisten, das Betanken zu verhindern. Dabei ist nach Angaben der Organisation im vergangenen Februar eine Katastrophe nur knapp vermieden worden, als das japanische Fabrikschiff die deutlich kleinere „Bob Barker“ von Sea Shepherd zu versenken drohte, dann aber abdrehte.

Mit ihrem Vorgehen hat sich die Organisation die Attribute „radikal“ und „militant“ verdient. Doch es würden die Schiffe sabotiert, nichts richte sich gegen die Menschen, betont Matthiessen erneut: „Wir können uns nicht selbst in die Illegalität bringen, um etwas Illegales zu bekämpfen.“ Sea Shepherd beruft sich auf die UN-Charta, wonach jeder das Recht habe, sich Verbrechen gegen die Umwelt zu widersetzen. Denn Walfang zu kommerziellen Zwecken ist seit 1986 verboten. Japan pocht auf eine Ausnahme für wissenschaftliche Zwecke – dagegen klagen zurzeit Australien und Neuseeland vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Für die Meeresschützer ist die Sache klar, und Marine und Küstenschutz kämen nicht in die Antarktis, sagt Matthiessen: „Wir schreiten da ein, wo sonst keiner ist.“ Und das eben unerbittlich und aggressiv. Sein Beispiel: Wenn jemand sehe, wie ein Welpe auf offener Straße brutal verprügelt werde – mache er dann Fotos und veröffentliche sie auf Facebook oder schreite er ein?

Für ihn zählt nur Einschreiten, dafür tritt der Itzehoer auch zu Hause ein. Aber Matthiessens Kontakte reichen weltweit, in der Organisation wird eng kommuniziert. Treffen gibt es aus Rücksicht auf die Umwelt nur, wenn es sein muss. Ansonsten nutzt der 44-Jährige seine Zentrale: einen Laptop auf einem Tisch bei ihm zu Hause. Dorthin kehrt er aber erst in einigen Monaten zurück – möglichst in dem Bewusstsein, den Walfängern wieder die Fangquote vermiest zu haben: „Letztes Jahr waren es unter zehn Prozent.“

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