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Zeitungszusteller : Und täglich grüßt das Hundegebell

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Lothar Bolls sorgt dafür, dass morgens pünktlich die Zeitung im Briefkasten steckt. Er ist Bote im Itzehoer Stadtteil Sude-West. Seine Route kennt er in- und auswendig.

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erstellt am 18.Okt.2014 | 08:00 Uhr

Nur die Straßenlampen erhellen das Dunkel der Nacht. Leichter Nebel liegt in der Luft. Von Ferne ist der Verkehrslärm der Autobahn zu hören, ansonsten ist es still in Sude-West. Zeitungszusteller Lothar Bolls steht bereit und wartet auf die neue Ausgabe der Norddeutschen Rundschau. Am Schild seiner Kappe hat der 73-Jährige eine LED-Taschenlampe befestigt. Auf seinem Minirad sind vorn und hinten zwei Plastik-Kisten angebracht, die darauf warten, gefüllt zu werden. Um Punkt 3 Uhr durchbricht das Motorengeräusch eines Transporters die Ruhe. Jörg Mohr kommt mit einem schwarzen Sprinter vorgefahren und liefert die druckfrischen Tageszeitungen – abgepackt in dicken Paketen. Außer Lothar Bolls kommen noch weitere fünf Zusteller an den Übergabepunkt in der Graf-Egbert-Straße, um die Ware in Empfang zu nehmen.

Lothar Bolls muss nicht lange überlegen, um nach dem richtigen Stapel zu greifen. Er bekommt 84 Exemplare der Norddeutschen Rundschau sowie einige wenige überregionale Tageszeitungen. „Die Zeit wiegt heute zwei Kilogramm“, sagt Bolls und schüttelt den Kopf. „Die ist so dick, dass ich sie nicht in den Briefkasten bekomme.“

Es dauert kaum länger als eine Minute, bis Bolls alles richtig sortiert und verstaut hat. Schon schwingt er sich auf sein Fahrrad und dreht eine Runde, um auf der gegenüberliegenden Straßenseite gleich wieder abzubremsen. Noch während der Fahrt springt Bolls von seinem kleinen Rad ab. Hier wird er die erste Zeitung los. Er nimmt ein Exemplar aus der Kiste und verschwindet im Schatten des Hauses. Zu hören ist nur ein kurzes Klappern des Briefkastens, und wenige Sekunden später sitzt der Bote schon wieder auf dem Sattel.

Ungefähr 50 Mal wird sich dieses Prozedere in den nächsten anderthalb Stunden wiederholen. „Wie oft ich genau vom Fahrrad auf und absteige, habe ich noch nie gezählt“, sagt Bolls, der zu dieser frühen Stunde schon zum Scherzen aufgelegt ist. Einige Häuser weiter bellt hinter der Hecke ein Hund, als der Bote vorbeiradelt. Für Bolls ein alter Bekannter: „Der meldet sich jeden Morgen“, sagt er und tritt in die Pedalen.

Seit knapp sieben Jahren trägt Lothar Bolls in Sude-West die Zeitungen aus. Auf die Namensschilder an den Briefkästen muss er inzwischen nicht mehr schauen und trotz der Dunkelheit kommt seine Taschenlampe kaum zum Einsatz. Ganz intuitiv weiß er schon: „dritter Schlitz von oben“ oder „Briefkasten hinter der Hecke“. Er erinnert sich: „Am Anfang hat es ganz schön lange gedauert, bis ich alle Briefkästen gefunden habe.“ Heute kennt er alle Hauseingänge wie seine Westentasche.

Der gelernte Maschinenschlosser, der 42 Jahre lang im Schichtdienst bei Gruner und Jahr gearbeitet hatte, ging im Jahr 2006 in den Ruhestand. Eines Nachts habe er schlaflos im Bett gelegen. „Du musst die Nachtstunden irgendwie nutzen“, sei es ihm in den Sinn gekommen. Auf eine Anzeige hin meldete er sich bei der Zustellgesellschaft und konnte gleich am nächsten Tag mit dem Zeitungsaustragen beginnen.

Das frühe Aufstehen macht dem Rentner, der tagsüber Haus und Garten pflegt und leidenschaftlich gerne im Internet surft, überhaupt nichts aus. Er gehe abends gegen halb elf ins Bett. Nach seiner nächtlichen Runde lege er sich noch einmal bis acht Uhr schlafen. Außerdem gönne er sich gerne einen kleinen Mittagsschlaf. „Meine Arbeit bringt mir Spaß“, bekennt Lothar Bolls. Dass er nur „ein Taschengeld“ dafür bekomme, mache ihm nichts aus. Schließlich arbeite er nicht des Geldes wegen.

Eine Herausforderung ist jedes Jahr aufs Neue der Winter: „Durch Schnee und Eis muss ich durchstapfen, wenn nicht geräumt ist.“ Am schlimmsten sei der harte Winter vor zwei Jahren gewesen, als Lothar Bolls auf Glatteis einige Male ins Rutschen geriet. Auch im Sommer hat er sich an Stolperkanten und dunklen Treppen schon einmal lang gelegt. „Einmal habe ich mir den Knöchel verstaucht“, sagt er, „ansonsten war ich nie ernsthaft verletzt.“

Wichtig sei ihm, die Wünsche seiner Klienten zu erfüllen. Er zeigt eine Liste mit Anmerkungen wie „Zeitung hinter den Türgriff stecken“ oder „Zeitung nicht ins Zeitungsrohr legen“. Die Hinweise habe er längst verinnerlicht. Nur selten gebe es Beschwerden, etwa dass er das Gartentor nicht hinter sich geschlossen habe. „Aber da achte ich eigentlich peinlich drauf“, sagt Bolls. Um so mehr freut er sich, wenn er um Weihnachten kleine Geschenke bekommt. „Selbstverständlich gehe ich dann tagsüber bei den Leuten vorbei und bedanke mich. Das ist ja eine Sache der Höflichkeit“, sagt er und radelt weiter.

Ein Mann mit einem Hund spaziert auf dem Bürgersteig vorbei. Für den Boten ebenfalls ein alter Bekannter: „Das ist der einzige, den ich jeden Morgen treffe“, sagt Bolls. Ansonsten sind die Straßen menschenleer. Um 4.25 Uhr steckt er eine Zeitung in einen Briefkasten in der Schauenburgerstraße. Eigentlich ist seine Tour jetzt beendet. Doch ein Exemplar der Norddeutschen Rundschau liegt noch in seiner Kiste. Nicht zufällig: „Bei mir im Haus wohnt eine alte Dame, die nicht mehr so gut zu Fuß ist“, erklärt er. Für Bolls ist es Ehrensache, dass er der Nachbarin ihre Frühstückslektüre direkt vor die Wohnungstür legt.

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