Dominik Bloh in Wilster : Überleben zwischen Mülleimern und Ratten

Beeindruckte seine Zuhörer in Wilster nachhaltig: der Autor Dominik Bloh.
Beeindruckte seine Zuhörer in Wilster nachhaltig: der Autor Dominik Bloh.

Ein beeindruckendes Erlebnis ist für die Zuhörer beim Verein Leselust der Bericht des Hamburgers Dominik Bloh über sein Leben auf der Straße.

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19. Oktober 2018, 11:06 Uhr

Mit tiefem Bass rappt er unvermittelt los: „Ich war noch nachts da draußen….“ Dann erzählt Dominik Bloh von den Mülleimern und den Glasscherben, Ratten oder Heroinspritzen, die einem dabei in die Quere kommen können. Der 30-jährige Hamburger verlor als Jugendlicher sein Zuhause, da seine Mutter psychisch krank ist und die Vormundschaft abgab. Er war elf Jahre lang obdachlos, lebte auf der Straße und machte dennoch sein Abitur.

Es war mucksmäuschenstill im Spiegelsaal des Neuen Rathauses, als er mit seinem Einstiegsrapp, seinen Erzählungen und kurzen Lesepassagen aus seinem Buch „Unter Palmen aus Stahl“ begann. Gebannt lauschten die Besucher dem Schicksal, wenn man ohne Lösung und Zuständigkeit zwischen den Ämtern hin und her geschoben wird, wenn man ohne festen Wohnsitz von der Schule fliegt und dennoch auf einer anderen mit geschummelter Adresse weitermacht. Wenn man selbst die noch Schwächeren unterstützt, wie es bei der Flüchtlingswelle am Hamburger Hauptbahnhof geschah.

„Helfen war bereichernd. Wer Gutes tut, bekommt es zurück“, so seine hart erlebte Maxime. „Ich kann nicht mehr vorbeigehen, gebe immer was oder rede. Wenn einer anfängt, kommen andere dazu. Gesten zählen mehr als Geld.“ Dominik Bloh bekam dadurch den Kontakt zu einer Stiftung, die ihn von der Straße holte, zu einem Blog und nun zu seinem Buch verhalf. Mittlerweile finanziert ihm eine wöchentliche Kolumne in der Hamburger Morgenpost eine eigene Wohnung.

„Geschrieben habe ich schon immer, auch auf der Straße habe ich mir dazu ruhige Orte gesucht“, erzählt der Überlebenskünstler. Ruhige Orte wie am überdachten Elbufer am Hamburger Fischmarkt, seinen „Palmen aus Stahl“. Neben dem Schreiben half ihm offenbar sein unerschütterlicher Lebensmut durch diese Krise und das emotionale Polster, das er durch seine Neu-Ulmer Großeltern in der Kindheit mitgekriegt hat. „An die Kälte wird man sich nie gewöhnen, und der Hunger treibt einen in den Wahnsinn“, berichtete er vom Alltag auf der Straße. Dennoch war ihm das regelmäßige Waschen im Schwimmbad wichtig: „Das äußere Erscheinungsbild ist das erste Unterscheidungsmerkmal.“

Auch den Kampf mit der Bürokratie, die ihn auf die Straße drängte und dafür auch noch bestrafte, hat Bloh nun mit seinen Unterstützern aufgenommen. Nach vielen Jahren ohne Wohnsitz sind durch zahlreiche Schwarzfahrmandate und Versäumniszuschläge, die erst durch die Meldeadresse als „Keule an Post“ zugestellt wurden, Schulden aufgelaufen. Bahnhöfe und Schwarzfahren sind jedoch für Obdachlose überlebenswichtig, beschreibt er eindrücklich die Suche nach Wärme. „Man ist trostlos am Laufen. Und woran soll man sparen, wenn man nichts zum Leben hat und es die kostenlose Suppe am anderen Ende der Stadt gibt, am Essen, an der Hygiene oder am Fahrschein?“ Nun sieht er sich als Stimme, die auf Missstände aufmerksam macht.

Nach der Lesung holten viele im Spiegelsaal erstmal tief Luft und schauen nun anders auf die Straße. Dominik Bloh musste eine sehr lange Schlange abarbeiten und seine Bücher signieren. 90 Besucher waren im Saal, 40 weitere hatten eine Absage erhalten, dennoch blieben einige Stühle leer. „Es ist besonders ärgerlich, wenn Angemeldete nicht kommen, ohne sich abzumelden“, machte Büchereileiterin Karin Labendowicz nach der Lesung ihrem Unmut Luft. Dennoch werde der Verein Leselust weiterhin keinen Eintritt für seine Veranstaltungen nehmen.

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