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Norddeutsche Rundschau

22. August 2017 | 18:52 Uhr

Schicksal : Über acht Länder nach Wilster

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Junger Afghane flüchtet ohne Familie nach Deutschland. In seiner Heimat schwebte Abdullah Jafari in Lebensgefahr.

Inzwischen ist Abdullah Jafari ein ganz normaler Jugendlicher: Er spricht Deutsch, besucht die Schule und hat gerade ein Praktikum hinter sich. Das war allerdings nicht immer so: Der 20-jährige Afghane wäre in seinem Land dem Tod ausgesetzt gewesen, so musste er Heimat und Familie hinter sich lassen; er floh ganz allein zu Fuß über acht Länder nach Deutschland.

Zehn Monate lang arbeitete Abdullah Jafari als Dolmetscher für die Internationale Sicherheitstruppe (ISAF), kooperierte also mit den USA. Somit gilt er für die Taliban als Verräter. Nachdem die Lager der ISAF in Afghanistan aufgelöst wurden und Jafari keine Arbeit mehr hatte, versuchten die Gegner, Jafaris Bruder zu erpressen, um seinen Aufenthaltsort zu erfahren. Sein Bruder hielt dicht, warnte ihn, verkaufte seinen Lkw und gab Jafari den Teil des Erlöses, den er für eine Flucht benötigte.

Abdullah Jafari schlug sich durch: Von Afghanistan reiste er über Pakistan, Iran und Türkei nach Griechenland, von dort aus über Mazedonien und Serbien nach Ungarn. Dort sollte er zunächst bleiben, allerdings waren die Bedingungen denkbar ungünstig, er konnte weder arbeiten noch zur Schule gehen. Er beschloss, weiter über Österreich nach Deutschland zu reisen.

Sein Weg von Afghanistan nach Deutschland dauerte insgesamt zirka zwei Monate, einen Großteil der Strecke legte Jafari zu Fuß zurück; er war erst 19 Jahre alt. Die Hauptsache jedoch: Abdullah Jafari ist heute in Sicherheit.

In Deutschland kam er zunächst nach Neumünster in die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, von dort aus wurde er nach Wewelsfleth vermittelt, anschließend ging er nach Wilster. Ursprünglich hätte Jafaris Antrag auf Asyl keine Chance gehabt, da er Ungarn einfach verlassen hatte. Inzwischen wurden die Gesetze allerdings dahingehend geändert, dass Asylbewerber nicht zurück in ihr Land geschickt werden können, wenn sie dort mit hoher Wahrscheinlich dem Tod ausgesetzt sind. Deshalb kann Jafari in Deutschland bleiben. Sein Antrag auf Asyl wurde allerdings bisher weder genehmigt noch abgelehnt.

Abdulla Jafari hat drei Schwestern und zwei Brüder. Sein Vater starb, als Abdullah ein kleines Kind war. Während er bereits in Deutschland lebte, floh seine Mutter mit den beiden Brüdern. Lange Zeit hörte er nichts von ihnen, bis er erfuhr, dass seine Mutter auf der Flucht verstorben war. Jafari plant, später einmal seinen kleinen Bruder zu sich holen; er fühlt sich nun für ihn verantwortlich.

Deutsch lernte der junge Afghane schnell, da er auf die Sprache angewiesen war. Dem intelligenten Jafari fiel es nicht schwer, bald nahezu fließend zu sprechen; nur mit Lesen und Schreiben hat er noch einige Probleme. Anfangs suchte Jafari Deutschunterricht; er wurde an Pastor Karl-Wilhelm Steenbuck vermittelt, der bereits mehreren Flüchtlingen zu besserem Deutsch und erleichterter Integration in Deutschland verholfen hat. Nun ist Jafari dank seines guten Deutsches nicht mehr auf den Unterricht angewiesen, Steenbuck unterstützt den jungen Afghanen trotzdem weiterhin bei diversen Problemen.

Freundschaften hat Jafari bisher vor allem mit weiteren Afghanen geschlossen, die er durch die Schule kennen gelernt hat. Sie treffen sich regelmäßig und unternehmen viele Dinge gemeinsam; in Deutschland allgemein sei er gut von den Menschen aufgenommen worden. Abdullah Jafari bringt es Spaß, in seiner Freizeit zu Hause mit Gewichten zu trainieren, außerdem guckt er gern Fußball.

In Afghanistan besuchte Jafari die High School, die er allerdings nach der zehnten Klasse abbrach, um Geld für seine Familie zu verdienen. Er geht nun auf die Berufsschule in Itzehoe, die im Rahmen eines dreijährigen Programmes anbietet, den Hauptschulabschluss zu absolvieren. Da Jafari ein intelligenter Schüler ist, der die deutsche Sprache sehr schnell beherrschte, übersprang er zwei Jahre, sodass er seinen Abschluss bereits nach einem Jahr, voraussichtlich nächsten Sommer, erhalten wird. Im vergangenen Monat absolvierte Jafari ein Praktikum bei Elektrotechnik Gilde und Witt in Wilster. Welchen Beruf er nach der Schule lernen möchte, weiß Abdullah Jafari noch nicht. Fest steht jedoch, dass er unbedingt eine Ausbildung machen will; vor allem, um seinen 16-jährigen Bruder eines Tages nach Deutschland holen zu können.

 


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