Tukur und die Rhythmus Boys – gekonnt daneben benommen

shz.de von
22. Juli 2015, 11:11 Uhr

„Let’s misbehave“ – der Titel ließ den Konzertgast das Schlimmste befürchten: lasst uns daneben benehmen. Was das Gastspiel von Ulrich Tukur und seinen Rhythmus Boys im „Tivoli“ Heide beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) bot, war Tanzpalast-Atmosphäre mit ein wenig Zirkus-Flair.

Tukur erscheint ohne Hose auf der Bühne, schließlich kommt er vom Klo, da kann das schon mal passieren. In „very bright British“ kündigt er die Show an und erklärt dem Publikum gleich, dass die Karten überteuert waren. Aber was soll’s, „Sie haben es so gewollt“.

Was folgt, sind der „größte Kontrabassist Europas“ Günter Märtens, der ohne Kopf auftritt, der „gefährlichste Schlagzeuger Deutschlands“ Kalle Mews im Tutu, der „fettigste Gitarrist Baden-Württembergs“ Ulrich Mayer mit gegelter Frisur, und eben Ulrich Tukur. Dieser tritt im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals nicht als Charakterdarsteller, sondern als Musiker auf.

Tukur erklärt, „misbehave“ bedeute Rauchen beim Konzert, Trinken beim Fahren, in Swimmingpools pinkeln. Und im „Tivoli“ heißt das auch: in den Zähnen pulen, ins Mikro pupsen und mit Wasser-Pumpguns auf die Besucher losgehen.

Er bezeichnet den altehrwürdigen Ballsaal als Raumschiff, das durch die Zeit reist. Den Abend über hält es sich in den 20er und 30er Jahren auf, mit an Bord Cole Porter, Irving Berlin, Benny Goodman und zahlreiche andere namhafte Komponisten. Die Rhythmus Boys können dem Takt des Erzählers und Sängers Tukur folgen, und auch die Konzertbesucher halten den Rhythmus. Bereits während der Show braust immer wieder anhaltender Applaus auf. Ulrich Tukur prescht durch Dialekte, Gedichte und Anekdoten aus dem Leben der Musiker, deren Lieder er auf seine eigene Art bearbeitet hat. Und auch die Songs, die „man wirklich nicht mehr hören kann“, werden von den Zuhörern förmlich aufgesogen. Bei der instrumentalen Zugabe „La Paloma“ singt das Publikum und lässt danach die Musiker nur ungern von der Bühne gehen. Zurück in die kleine Garderobe, wo regionale Leckereien sie erwarten. Den Heider Marktmeister-Aquavit gab es zuvor schon auf der Bühne – let’s misbehave, Prost.

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