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Norddeutsche Rundschau

18. November 2017 | 09:30 Uhr

Tschüss bis zum Frühling

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Seit fast 60 Jahren steht Jens Wagner einmal in der Woche mit seinem Stand auf dem Wochenmarkt – jetzt geht es in die Winterpause.

shz.de von
erstellt am 23.Okt.2017 | 10:15 Uhr

„Nimm man noch Weintrauben mit“, preist Jens Wagner die saftigsüße Ware an. Gern spricht der Händler seine Kundschaft auch mal auf Platt an – auf dem Wochenmarkt herrscht ein besonderer Ton. Herzliches Duzen, scherzhafte Bemerkungen und das Anpreisen von Ware gehören dazu. „Die Schnackerei wird aber weniger“, registriert Wagner. Das Publikum wandele sich, viele seiner Stammkunden, die zum Teil seit Jahrzehnten jeden Mittwoch zum Einkaufen kommen, sieht er nicht mehr so häufig. „Viele schaffen den Gang zum Wochenmarkt nicht mehr, es hat sich gerade wieder jemand verabschiedet“, erklärt der ehemalige Obstbauer.

Auch an ihm sind die Jahre nicht vorbei gegangen. Als junger Kerl von 20 Jahren baute er – damals noch mit dem Vater – seinen Stand zum ersten Mal in der Störstadt auf. Damals sei der Wochenmarkt für kurze Zeit im Bereich der damaligen Eisenwarenhandlung Elsner angesiedelt gewesen, erinnert sich Wagner. Es folgten etliche andere Wochenmarktplätze von der Bahnhofspromenade über den oberen Marktplatz bis zum jetzigen Ort an der Straße an der Stör. „Wir Marktbeschicker wünschten uns den Platz, weil wir hier gut gesehen werden“, so Wagner. Seither sind fast sechs Jahrzehnte ins Land gegangen.

Eigentlich könnte er längst in Rente gehen, schmunzelt der 77-Jährige. Aber zu Hause Däumchen drehen sei seine Sache nicht. Gegen Wind und Wetter dick eingemummelt, durch eine knallrote Plane vor Regengüssen geschützt, steht er gemeinsam mit Ehefrau Gisela hinter der Auslage. Die Kunden greifen zu: Dicke Kohlköpfe, gewichtige Steckrüben, orangefarbene Kürbisse und buntes Suppengrün läuten die Herbstküche ein. Auf rund acht Meter Länge präsentiert der Obst- und Gemüsehändler seine vitaminreiches Angebot. Mit saisonalem Gemüse auf fängt es auf dem einen Ende an, große Holzkisten mit verschiedenen Apfelsorten und süße Birnen bilden das andere Ende. Dazwischen locken Pflaumen, Wein und die mittlerweile das ganze Jahr über verfügbaren Südfrüchte. „Da kommt der Neue“, ruft Wagner Marktmeister Gerd Birkholz entgegen. Etliche Marktmeister hat er erlebt, seit Pfingsten ist Birkholz sein Ansprechpartner. Zwischen Abwiegen, Tütenfüllen und Kassieren bleibt Zeit für einen Plausch über alte Zeiten und ein dickes Lob an den „Neuen“. „Mit Fisch, Geflügel, Textilien und Blumen ist der Markt für seine Größe sehr vielseitig“, unterstreicht Wagner. Außerdem sei es Birkholz gelungen, wieder einen guten Schlachter an Land zu ziehen. Auf sein „Urgestein“ muss er in einigen Wochen jedoch verzichten. „Wi mokt dat noch ut Sposs, freeren wüllt wi nich“, erklärt Wagner. Will heißen: Im Winter, womöglich noch bei Eis und Schnee morgens um vier Uhr vom Wohnort Neuendeich zum Hamburger Großmarkt um frische Ware einzukaufen, und dann nach Kellinghusen zum Verkauf, das wollen sich die Eheleute Wagner nicht mehr antun. „Ich hoffe, wir bleiben gesund und dem Markt noch einige Jahre erhalten“, sagt Wagner. Das hoffen viele Kunden mit ihm und sagen „Tschüss bis zum Frühling.“

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