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Psychiater im Interview : „Trump spielt mit den Ängsten“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie US-Präsident Donald Trump mit der Angst der Menschen spielt und so am Ende nur noch mehr Angst erzeugt, analysiert der Itzehoer Psychiater Arno Deister im Interview.

von
erstellt am 08.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Herr Deister, was halten Sie vom neuen US-Präsidenten Donald Trump?

Deister: Ich habe schon im Vorfeld große Sorgen gehabt, wie sich Trump verhalten wird, wenn er Präsident ist. Und ich muss jetzt feststellen, dass er anfängt, all das, was mir Sorgen gemacht hat, umzusetzen. Seine bisherigen Äußerungen und Handlungen finde ich alle sehr beunruhigend.

Zum Beispiel?

Besonders beunruhigt mich seine Einstellung zur Krankenversicherung in den USA. Obamacare war Ausdruck des staatlichen Bemühens, Menschen, die krank sind und die Hilfe benötigen, von Seiten der Gesellschaft zu unterstützen. Diese Fürsorgeverpflichtung des Staates ist für Trump etwas völlig Fremdes. Er streicht sie deshalb nicht nur, sondern bekämpft sie aktiv. Daran wird deutlich, wie Trump mit Menschen umgeht. In einer Weise, die nicht menschenwürdig ist. Bei jemandem, der amerikanischer Präsident ist, halte ich das für sehr problematisch.

Aber Trump macht seinen Bürgern ja auch Versprechungen. Die Krankenversicherung will er ja beispielsweise abschaffen, weil er sie für wirtschaftliche Ausbeutung hält. Auf diese Weise will er angeblich mehr Wohlstand schaffen.

Das ist genau das, was mich beunruhigt. Trump und seine Unterstützer erkennen sehr genau, wovor Menschen Angst haben. Angst vor wirtschaftlicher Unsicherheit, vor Gewalt, vor Terror, aber ganz besonders auch Angst davor, nicht mehr wahrgenommen zu werden. Diese weit verbreiteten Ängste, die gut nachvollziehbar sind, nimmt er auf. Aber Trump spielt mit den Ängsten und verdreht sie ins Gegenteil. Er instrumentalisiert die Befürchtungen der Menschen für seine Machtpolitik. Die reduziert die Ängste aber nicht, sondern verstärkt sie nur noch weiter.

Was wäre eine angemessene Weise, um mit berechtigten Ängsten der Menschen umzugehen?

Politiker müssen die Ängste zunächst verstehen und sie einordnen. Dann müssen sie deutlich machen, dass hinter diesen Ängsten sehr komplexe Zusammenhänge im politischen und im gesellschaftlichen Bereich stecken. Diese Zusammenhänge müssen sie analysieren und in eine Politik umsetzen, die versucht, Lösungen zu finden. Die Dinge sind heute extrem komplex. Kaum jemand ist noch in der Lage, globale Zusammenhänge zu begreifen. Da gibt es natürlich ein großes Bedürfnis danach, einfache Lösungen zu finden. Populismus in jeder Form neigt dazu, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen.

Auch hierzulande gibt es ja derartige Tendenzen, wenn ich zum Beispiel an die AFD denke. Sind populistische Bewegungen und das Spiel mit den Ängsten der Menschen ein Phänomen, das in unseren Tagen zunimmt?

Ja, das ist in der Tat ein Phänomen, das stärker wird. Die Frage ist nur, was Ursache und was Wirkung ist. Die Ängste werden stärker, weil die Gesellschaft komplexer und undurchschaubarer wird. Das Gefühl, etwas nicht kontrollieren zu können, bewirkt Ängste. Angst ist ja eigentlich ein schützendes Gefühl. Wir brauchen Angst, um nicht gefährliche Risiken einzugehen. Aber die Angst schlägt um von einem schützenden in ein lähmendes Gefühl. Je mehr Angst ich habe, desto eher bin ich geneigt, scheinbar einfachen Lösungen zu glauben.

Nimmt die Angst der Menschen allgemein zu?

Das ist schwer zu sagen, weil Angst nicht eindeutig messbar ist. Aber Angst ist in hohem Maß kulturell abhängig und verschiebt sich. Was zunimmt, ist nicht die Angst als solche, sondern die Angst in bestimmten Situationen.

Mächtige, die mit der Angst der Menschen gespielt haben, hat es ja schon immer gegeben. Diktatoren, die Kirche im Mittelalter, ...

Das ist völlig richtig. Das, was Trump jetzt macht, ist nicht grundsätzlich neu. Aber gerade das gibt Grund zur Beunruhigung, weil wir wissen, wo es hinführt. Wir wissen, was passiert, wenn wir Herrschaftssysteme haben, die nicht auf einer demokratischen Entwicklung beruhen.

Sie sagten, dass Trump die Ängste der Menschen letztendlich nur noch größer macht. Wie meinen Sie das?

Trump schürt Konflikte, er bringt Menschen in ganz neue Formen der Auseinandersetzung, er baut Feindbilder auf, er stärkt Abgrenzung.

Wie zum Beispiel mit dem Einreiseverbot für Menschen aus bestimmten muslimischen Ländern?

Mit dem Einreiseverbot verringert er scheinbar die Angst vor Menschen, die ansonsten in die USA kommen könnten. Er schafft aber damit ein gesellschaftliches Klima der Abgrenzung der USA nach außen und auch nach innen. Dadurch ermöglicht er es den Menschen nicht mehr, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die außerhalb ihres Erfahrungsbereichs passieren. So entstehen neue Ängste vor Konfrontationen. Nur durch Auseinandersetzung mit den Problemen und den Menschen aber könnte Angst gemindert werden.

Das Handeln und Auftreten von Präsident Trump ist auffällig ungewöhnlich. Ist er ein Fall für die Psychiatrie?

Dazu kann ich nichts sagen, weil ich nicht wirklich wissen kann, wie Herr Trump denkt. Ich habe nie mit ihm gesprochen. Grundsätzlich gilt: Es ist eine zu kurze Erklärung, das Handeln von Menschen auf Krankheit zu reduzieren. Psychische Erkrankungen sind ein sehr komplexes Phänomen. Sie lassen sich nicht alleine daran festmachen, dass sich Menschen scheinbar unverständlich verhalten.

Arno Deister (59) befasst sich seit Beginn der 1980er-Jahre wissenschaftlich mit dem Gefühl der Angst – „einem der zentralen Gefühle des Menschen“, wie er selbst sagt. Deister ist Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. In diesem Interview äußert er sich ausdrücklich nicht als Funktionsträger, sondern als Arzt und Experte.

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