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Norddeutsche Rundschau

23. Oktober 2017 | 06:47 Uhr

Fällaktion : Trauer um die Trauerweide

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Den stadtprägenden Baum am Glückstädter Binnenhafen-Kopf gibt es nicht mehr. Drei Neupflanzungen sind Pflicht.

Gestern Morgen rückten sie an, die Baumfäller. Ziel war der große Neubaukomplex an der Stadtstraße 1. Genauer gesagt die alte Trauerweide direkt davor. Das Dägelinger Lohnunternehmen „MaBi“ nahm sich des stattlichen Baumes an, und begann von der Krone aus, die Weide Ast für Ast zu fällen. „Das wird ein paar Stunden dauern“, sagte ein Arbeiter mit Blick auf die zwar kahle aber dennoch imposante Baumkrone. Gegen Mittag stand bereits nur noch der mächtige Stamm der Weide.

Weil die Fällarbeiten nicht ganz ungefährlich waren, wurde der angrenzende Fußweg gesperrt. „Leider hielten sich nicht alle Bürger an die Absperrung“, kritisierte ein MaBi-Mitarbeiter. Von der andern Straßenseite aus beobachteten Schaulustige das Geschehen. Allerdings nur wenige. Die frostigen Temperaturen dürften ihren Teil dazu beigetragen haben, dass es nicht mehr waren. Am Nachmittag stand dann nur noch ein kümmerlicher Stumpf an jener Stelle, die einst die Trauerweide zierte. „Der wird aus noch von uns ausgefräst, aber nicht mehr heute“, erklärte ein MaBi-Mann.

Bei Aufstellung des Bebauungsplanes „Hafenkopf“ im Jahr 2005 war die Weide noch als erhaltenswerter Baum festgesetzt worden. Anfang Januar 2017 stellte der Eigentümer des Neubau-Areals bei der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises einen Antrag auf Fällung der Weide. Dazu wurde das Gutachten eines Baumsachverständigen vorgelegt. Darin heißt es als Grund für die angestrebte Fällung der Weide: Zur Vermeidung von Gebäudeschäden seien „Rückschnittmaßnahmen erforderlich, die der Baum aufgrund fehlender Kronenrückschnittseignung dem erforderlichen Umfang nach nicht vertragen würde“. Der Gutachter kommt zu dem Ergebnis, der Baum sei „am Standort als nicht erhaltungs- und nicht entwicklungsfähig einzustufen“. Die Untere Naturschutzbehörde folgte der Argumentation des Gutachters und erteilte die Fällgenehmigung. Dies war mit der Auflage verbunden, dass drei Ersatzbäume, zu pflanzen sind, mindestens einer davon vor Ort. An diesem Genehmigungsverfahren war die Stadt Glückstadt formalrechtlich nicht beteiligt, sie sah keinen sachlichen Grund, an der Aussage des Baumsachverständigen und der daraus folgenden Entscheidung der Unteren Naturschutzbehörde zu zweifeln.

Festzuhalten bleibt: Den stadtprägenden Baum gibt es nicht mehr. Ein knapper Tag reichte aus, ihn unwiederbringlich zu fällen. Und natürlich können Neuanpflanzungen die alte Weide nicht wirklich ersetzen.

In einem Brief an unsere Zeitung schreibt Leserin Uta Grundler: „Ich glaube, dass es sich bei dem Baum um eine Trauerweide handelt. Ich jedenfalls trauere um diesen wunderschönen Baum. Kennt jemand noch das Lied von Alexandra: ‚Mein Freund der Baum‘, oder was Goethe schon in seinem Werther beklagte.“


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