Toleranz – das Anderssein aushalten

shz.de von
16. Januar 2015, 10:42 Uhr

Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob – Römer 15,7

Ich schaue mich um und entdecke so viele unterschiedliche Menschen. Sie üben verschiedenste Berufe aus, haben unterschiedliche Wertevorstellungen, leben ihr Leben – so anders als ich. Oder umgekehrt: ich lebe mein Leben so anders als sie.

Das könnte wahrscheinlich jeder von sich behaupten: mein Leben ist individuell. Ich lebe es nach den richtigen Wertevorstellungen. So und nicht anders soll es sein. Feste Überzeugungen tragen uns durch das Leben in dieser oft undurchschaubaren Welt. Manchmal passiert dann doch das, was wir immer zu vermeiden versuchten: Wir bekommen einen engen Blick. Sind ausgerichtet auf unsere eigenen, persönlichen Werte- und Glaubensvorstellungen.

Die Sehnsucht nach einem erfüllten, gelingenden Leben ist groß. Gemeinschaft, gelingendes Leben – ich denke, dies zu erreichen gelingt uns nur, indem wir uns einem großen, viel gehörten Wort und dessen Inhalt nähern: Toleranz. Toleranz bedeutet, einander annehmen. Einander aushalten, gerade in der Unterschiedlichkeit. Toleranz – tolerare, das bedeutet: erleiden, erdulden. Erleiden: ich muss nicht vollkommen einverstanden sein mit der Lebensführung und Glaubensauffassung meines Nachbarn. Ich kann ihn gar nicht ändern. Aber ich kann es annehmen, dass er oder sie eben anders ist. Nicht gegeneinander unsere festen Überzeugungen ausspielen. Nicht versuchen, meinen Nächsten an die Wand zu diskutieren: „Deine Ansicht erscheint mir aber schwierig“. Das Aushalten vom Anderssein – eine große Herausforderung, aber notwendig.

„Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat“: Ja, er konnte es. Der Sohn Gottes, der am selben Tisch mit den aus der Gesellschaft Verstoßenen gesessen hat. Er aß mit ihnen, er heilte sie alle, er unterhielt sich, beantwortete Fragen. Er liebte: die Ausgestoßenen, die Sünder, die Armen, die Reichen, die Gottesfürchtigen, die Zweifler, die Starken, die Ängstlichen.

Tolerare – erleiden: ich kann damit nur bei mir und meiner Einstellung zum Anderen/zur Anderen anfangen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen