Hamburger Strassenstrich : Tochter verliebt sich in Zuhälter – Eltern haben keinen Einfluss mehr

Nun suchen die betroffenen Eltern Halt in einer Selbsthilfegruppe im Kibis Itzehoe.
Nun suchen die betroffenen Eltern Halt in einer Selbsthilfegruppe im Kibis Itzehoe.

Ein Dithmarscher Paar ist in tiefer Sorge um ihre Tochter. Die junge Frau geht auf den Hamburger Straßenstrich - denn sie verliebte sich in einen Zuhälter.

shz.de von
02. Mai 2015, 16:51 Uhr

Eigentlich wollte Laura T. (alle Namen geändert) Pferdewirtin werden. Fachhochschulreife, Erzieherschule, nebenbei gab sie schon mal Reitunterricht. Eine glatte Biografie. Doch dann lernt die heute 23-Jährige Alexander kennen. Für Lauras Eltern und ihren derzeitigen Freund kommt der junge Mann wie aus dem Nichts. „Er ist wie ein Phantom“, sagt der Vater. Dass etwas mit dem Jungen nicht stimmt, ahnt das Ehepaar früh. Immer mehr entfremdet sich die Tochter. Doch erst vor wenigen Wochen wird für das Ehepaar aus dem Kreis Dithmarschen eine böse Ahnung Gewissheit: Milieuhelfer von der Hamburger Davidwache bestätigen ihnen: Lauras Freund ist ein Zuhälter.

Zu diesem Zeitpunkt haben sie schon eine zweijährige Leidensgeschichte hinter sich: Die Mutter zeigt alte Bilder. Laura mit 16 Jahren, ein hübsches Mädchen. Sie lächelt. Das blonde Haar locker über die Schulter geworfen – ein ganz gewöhnlicher Teenager. Auf dem Bild, dass die 47-jährige dann aus der Mappe zieht, hat sich Laura verändert. Die weichen Gesichtszüge sind hart geworden. Das blonde Haar streng nach hinten gekämmt. Jede Lockerheit scheint verschwunden. Lauras Mutter laufen bei dem Anblick die Tränen übers Gesicht. Sie kennt auch Bilder aus dem Internet, wo die Tochter unter einem Künstlernamen agiert. „Sie hatte zeitweise 18 verschiedene Internet-Anbieter.“

Wie die junge Frau auf die schiefe Bahn geraten konnte, können sich ihre Eltern nicht erklären. Die junge Dithmarscherin kommt aus soliden Verhältnissen, bekommt jede Unterstützung, die man sich denken kann. Finanziell und ideell stehen ihr die Eltern zur Seite. Doch plötzlich will die Tochter ihre Unterstützung nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen trennt sie sich von ihrem damaligen Freund. Zieht aus und wirft heimlich die Ausbildung hin. Gleichzeitig erscheint ein ominöser junger Mann in ihrem Leben. Freunde von Laura erzählen ihren Eltern, er sei wie ein Pascha gewesen und habe das Mädchen herumkommandiert.

Von diesem Moment an zieht sich ein Bruch durch Lauras Biografie. Nur einmal bekommen die Eltern den neuen Freund zu Gesicht. Mit tief ins Gesicht gezogener Mütze und Schal bis unter die Nase vermummt bringt er Laura zur Tür, die die Eltern besuchen möchte. Er schüttelt ihnen kurz höflich die Hand und verschwindet. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Eltern noch nicht, dass Laura längst nicht mehr zur Erzieherschule geht, sondern sich vor der Kamera für das Internet auszieht.

Als sie über Freunde der Tochter davon erfahren, ist der Schock groß. „Die Frage war: Sagt man was und wie sagt man das?“, so der Vater. Die Eltern warten ab. Hoffen, dass die Jugendliche von selbst erzählt, denn noch haben sie unregelmäßig Kontakt, den sie nicht aufs Spiel setzen wollen. Schließlich schalten sie einen privaten Ermittler ein, um zumindest den neuen Wohnort der Tochter herauszubekommen. Bei ihrem nächsten Besuch schließlich stellen sie Laura zur Rede. „Da wurde sie bleich. Ich dachte, „sie kippt vom Stuhl“, erinnert sich die Mutter. Die Eltern bieten ihrer Ältesten volle Unterstützung an und sprechen warnende Worte: „Jetzt sind die Männer im Internet. Aber irgendwann sind sie real, dann sind das deine Kunden.“ Doch sie kommen nicht mehr an ihr Kind heran.

Heute ist die bittere Ahnung Realität. Milieuberater der Hamburger Davidwache haben Laura auf dem Kiez gesehen. Sie ist an einen Zuhälter geraten, der sie als charmanter Liebhaber erst umgarnt und dann für seine Zwecke eingespannt hat. Für die Eltern bedeutet das: Sie haben jeden Zugang zu ihrer Tochter verloren. Weil sie volljährig ist, können sie nichts tun und nur hoffen, dass Laura von selbst aussteigen will. Ihre Geschichte erzählen sie in der Hoffnung, Angehörige mit ähnlichem Schicksal zu finden, mit denen sie ihr Leid   teilen können. Es müsse auch mehr Aufklärung dazu in Schulen geben, so wie die Suchtberatung, wünscht sich Lauras Vater.

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