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Diskussion : „Tiefe Besorgnis bis weit in die Mitte der Gesellschaft“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Flüchtlingspolitik und politische Lage in Deutschland und Europa: Wewelsflether Gesprächsrunde zeichnet ein düsteres Zukunftsbild.

Nach zweieinhalb Stunden Wewelsflether Gespräch traten viele der rund 200 Zuhörer wohl eher ernüchtert den Heimweg an: Die fünf Akteure auf dem Podium einschließlich Moderator Rainer Burchardt hatten ein eher düsteres Bild von der Lage der Nation gezeichnet. Die Krone setzte allem die jüngste Diskutantin in der Runde auf: Nach einem Besuch in Dresden, so offenbarte die Kieler SPD-Landtagsabgeordnete Serpil Midyatli, habe sie nach ihrer Rückkehr in Hamburg „vor Freude den Boden geküsst“. „Widerlich, nicht auszuhalten“, seien die rechtspopulistischen Auftritte in den Straßen von Dresden. Ihre Sichtweise vom hellen und vom dunklen Deutschland rief – immerhin – den Widerspruch aus den Reihen des Publikums und auch von Wolfgang Thierse hervor. „Auch Sachsen ist Deutschland. Und die AfD ist keine ostdeutsche Erfindung“, stellte der Ex-Bundestagspräsident klar.

Seit 33 Jahren greift die einst von Günter Grass und Björn Engholm ins Leben gerufene Diskussion in der Mehrzweckhalle der Werftgemeinde mehr oder weniger aktuelle Themen auf. Mitorganisatorin Gabriele Sachse atmete diesmal erst einmal auf, dass das Thema Flüchtlinge keine „angebräunten“ Besucher nach Wewelsfleth gelockt hatte. Die Zuhörer hatten aber auch so einiges zu schlucken. Schon zum Auftakt hatte Wolfgang Thierse „tiefe Besorgnis bis weit in die Mitte der Gesellschaft“ ausgemacht. Er sagte „eine Zeit voller Konflikte“ voraus. Björn Engholm setzte offensichtlich noch unter dem Eindruck der jüngsten Landtagswahlergebnisse gleich noch einen drauf: „40 Prozent unserer Republik ist in Auflösung begriffen.“ Und: „Wenn jetzt Europa zerbricht, reden wir in einigen Jahren über ganz andere Themen.“ Schon jetzt hatte der Sozialdemokrat immerhin eine Erklärung für die massiven Stimmenverluste seiner Partei: „Früher hat die SPD in jedem Kleingarten- und Sportverein gehockt. Politiker und Parteien müssen wieder die Erdhaftung hinkriegen.“

Eine in jeder Hinsicht differenzierte Denkweise präsentierte Wolfgang Thierse. Er äußerte Verständnis für die Haltung unserer europäischen Nachbarn, weil diese sozial und ökonomisch sehr viel schwächer seien. Auch mit Blick auf die AfD-Erfolge mahnte er: „Das sind längst nicht alles Rassisten.“Im übrigen sei das Thema Einwanderung und Integration ja nicht neu. So habe die Regierungspolitik sich in den 1990er Jahren vehement gegen den Begriff Einwanderungsland gewehrt. „Da waren eine Million aber schon da.“ Fraglich ist für Thierse schließlich auch, ob nach mehr als 25 Jahren die Deutsche Einheit schon wirklich in allen Köpfen vollendet ist.

Wie ein roter Faden zog sich die Haltung von Kanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage durch den Abend. Rainer Burchardt sprach von der „Mutter Theresa der Flüchtlinge“, während Engholm feststellte, dass die Welt die aus dem Herzen kommende große Geste schlichtweg missverstanden habe. Derweil warnte Serpil Midyatli vor einem gravierenden Denkfehler in der Diskussion um Integration: „Wenn einer so ist wie ich: Ist er dann integriert? Wir wollen ja auch nicht alle so wie die Bayern werden.“ Für sie steht fest: „Integration gelingt vor Ort oder gar nicht.“

Diese Aussage konnte in den versöhnlicheren Teil der Diskussion überleiten. Helga Rodenbeck (zuständig für 280 Helfer, die 400 Flüchtlinge betreuen) stellte den zu uns kommenden Menschen durch die Bank ein gutes Zeugnis aus. „Sie sind interessiert – wenn wir sie denn lassen.“ Dem mochte auch Serpil Midyatli nur beipflichten. An einem Beispiel machte sie deutlich, wie rasch sich Flüchtlinge mit den in ihrer neuen Heimat geltenden Werten und Regeln anfreunden: „Die ersten Frauen lassen sich sogar schon scheiden.“ Integration hin, deutsche und europäische Werte her: Björn Engholm stellte zwischendurch mal schnell klar, dass es bei den Zahlen Grenzen geben müsse: „Wir sind ja keine Resozialisierungsanstalt. Und das muss sich auch rumsprechen.“ Er forderte keine deutsche Leitkultur, aber den Erhalt der kulturellen Substanz in Europa. Flüchtlingsbeauftragter Stefan Schmidt hingegen lenkte angesichts milliardenschwerer Geldströme den Blick auch auf die eigentlichen Ursachen und zitierte dazu einen afrikanischen Staatsmann: „Ihr müsst uns gar nicht mehr geben. Ich müsst nur aufhören, uns alles zu nehmen.“ Er erinnerte auch daran, dass sich lange Jahr „kein Menschen dafür interessierte, was an den europäischen Außengrenzen passiert“.

Am Ende blieb es dem Wewelsflether Ehrenbürgermeister Ingo Karstens überlassen, den Blick wieder auf die zu uns kommenden Menschen zu lenken. Er nannte Beispiele für die große ehrenamtliche Hilfsbereitschaft vor Ort. Und ein auch Beispiel für ganz individuelles Leid. So drohe einer in Wewelsfleth untergekommenen Roma-Familie die Abschiebung in den als sicheres Herkunftsland einstuften Kosovo. Dort warte auf diese Menschen ein Leben auf der Straße. Da drängte Björn Engholm schon ungeduldig auf ein Ende der Diskussion. Schließlich habe er noch eine weite Fahrt nach Lübeck vor sich.

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erstellt am 21.Mär.2016 | 16:58 Uhr

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