Thilo Sarrazin in Itzehoe : Thesen - und erdkundliche Irrtümer

Hier wurde kontrovers diskutiert (v.li.): Willi Göttsche (FDP), Thilo Sarrazin, Moderator Lars Bessel, Adnan Vural  (türkisch-moslem. Kulturverein) und Martin Meers (Arbeiterwohlfahrt).
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Hier wurde kontrovers diskutiert (v.li.): Willi Göttsche (FDP), Thilo Sarrazin, Moderator Lars Bessel, Adnan Vural (türkisch-moslem. Kulturverein) und Martin Meers (Arbeiterwohlfahrt).

Kontroverse Diskussion in Itzehoe (Kreis Steinburg): Vor vollem Haus fand im Theater die Gesprächsrunde mit Bestseller-Autor Thilo Sarrazin statt.

shz.de von
17. Januar 2011, 11:29 Uhr

kreis Steinburg | Höflicher Applaus, dann erwartungsvolle Stille: Während vor dem Theater und am Berliner Platz eine eher überschaubare Menge unter den Augen besonders vieler Polizisten von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machte, nahm im theater itzehoe Bestseller-Autor Thilo Sarrazin Platz. Dem FDP-Kreisverband war das Kunststück gelungen, für das traditionelle Dreikönigstreffen Deutschlands derzeit umstrittensten Autoren zu engagieren. Die gut 400 Menschen im Publikum klebten zum Auftakt an den Lippen des früheren Berliner Finanzsenators und zeitweiligen Bundesbankers. Die erste Reaktion unter den Zuhörern gab es dann aber, weil der Gast einem "erdkundlichen Irrtum erlegen war". Sarrazin wähnte sich in Dithmarschen.
Keinen Zweifel ließ der Sprecher hingegen an seinen Erkenntnissen und Thesen. Penibel rechnete er vor, wie Deutschland sich nach und nach selbst abschafft - weil es schlicht zu wenig Kinder gibt. Seinen Zuhörern erklärte er allerdings erst einmal, wie sein Buch überhaupt entstanden ist. "Ich enthülle nichts wirklich Neues", stellte Sarrazin klar und startete diverse Ausflüge in die bundesdeutsche Geschichte. Beispiel: "Die Gastarbeiterpolitik der 60-er Jahre war ein grundlegender Fehler. Damals hätte man besser die Fabriken zu den Menschen schicken sollen." Ausgiebig rechnete Sarrazin vor, dass in Deutschland bald die Angehörigen muslimischer Religionsgemeinschaften die Bevölkerungsmehrheit stellten. Zahlen, Daten, Fakten. Das Zuhören hatte am Ende ähnlich großen Unterhaltungswert wie die mitunter schwer verdauliche Lektüre des Bestsellers. Es blieb die statistisch nachgewiesene und bekannte Erkenntnis, dass die Deutschen immer weniger und immer älter werden.
"Was ich mit dem Buch verdiene, isst ein Ackermann zum Frühstück"
"Es gibt in dem ganzen Buch keinen einzigen Satz, der die Menschenwürde verletzt", betonte der Sozialdemokrat Sarrazin mit Hinweis auf die Kritik aus den Reihen seiner eigenen Genossen. Er versicherte allerdings auch, dass er sich sein Weltbild nicht von anderen aufdrängen lassen wolle. Gleichzeitig zollte er den Demonstranten vor den Theater-Toren aber auch seinen augenzwinkernden Respekt: "Bei dem Wetter ist das schon eine harte Sache."
Nach der eher drögen Auftaktrunde kam mit dem Podium dann mehr Bewegung in den Abend. Millionär? Demagoge? - Moderator Lars Bessel warf dem Gast zwei Schlagwörter an den Kopf. Sarrazin konterte gelassen: "Was ich mit dem Buch verdiene, isst ein Ackermann zum Frühstück." Immerhin führe er von den Einnahmen 44 Prozent Einkommen- und sieben Prozent Umsatzsteuer ab. "Es steht dem Staat ja frei, dieses Geld in Integrationsmaßnahmen zu stecken."
"Hier gibt es die Hassprediger, und wir können es nicht verhindern"
Während Sarrazins Ausführungen immer wieder mit Beifall bedacht wurden, konnte sich der Vorsitzende des türkisch-moslemischen Kulturvereins in Itzehoe, Adnan Vural, nicht mit allen Thesen so recht anfreunden. "Es gibt in der Türkei nicht nur dumme Leute. Und auch die Menschen, die keinen Schulabschluss haben oder nur Döner-Verkäufer sind, gehören in dieses Land." Auch Sarrazins Kritik an der Einwanderungspolitik ließ Vural nicht gelten: "Bei einem Deutschen, der seine Frau von den Philippinen holt, sagt doch auch keiner was." Die Zusicherung von Adnan Vural, dass auch in der Türkei jeder Deutsche Religionsfreiheit genieße und dort Kirchen gebaut werden könnten, stieß auf ein eher geteiltes Echo. Ganz und gar nicht mochte sich der Vorsitzende schließlich damit anfreunden, dass seine Religion vielfach mit Terrorismus gleichgesetzt werde. "Der Islam ist sehr friedlich. Wenn die Amerikaner bombardieren: Ist das kein Terrorismus?" Moderator Bessel hatte ihn zuvor mit der Frage provoziert, ob "der Vural denn eine Handgranate in der Tasche habe". Für Thilo Sarrazin sind in dieser Frage "die Grenzen nicht immer erkennbar". Aus seiner Berliner Zeit berichtete er: "Hier gibt es die Hassprediger, und wir können es nicht verhindern."
Weiterer Gesprächspartner auf dem Podium war der Geschäftsführer der AWO Steinburg, Martin Meers. Er bot Sarrazin insbesondere in der Beurteilung von Empfängern staatlicher Leistungen kräftig Paroli. Dem Autoren warf er die Stigmatisierung großer Teile der Bevölkerung vor. Meers: "Jeder, der in Deutschland lebt, wird in Zukunft für uns noch ganz wichtig sein." Der Politik hielt er vor, seit Jahren über die Themen zu reden, aber nicht zu handeln. Gastgeber Willi Göttsche: "Wir müssen als Politiker überall Ganztagsschulen und Kindergartenplätze einfordern." Der FDP-Chef sprach von einer "Schieflage, die wir uns nicht mehr lange leisten können".
Während die Podiumsteilnehmer ihre Sicht der Dinge präsentierten, legte Thilo Sarrazin immer wieder den Finger in die Wunde. Insbesondere die finanzielle Ausrichtung der derzeitigen Sozial- und Familienpolitik ist ihm ein Dorn im Auge: "Es gibt eine Fülle falscher Anreize. Und weil der Staat die Kosten trägt, heizen die Hartz-IV-Empfänger alle mit 22 Grad, und da wird viel gelüftet." Aber, so betonte er, nicht das Geld sei das eigentliche Problem. Sarrazin sprach von "moralischer Verwahrlosung", korrigierte sich dann aber selbst auf das "Herausfallen aus bürgerlichen Systemen". Und in der Schlussrunde erlag er ein weiteres Mal seinem "erdkundlichen Irrtum": "Da, wo in Dithmarschen jetzt noch Dörfer sind, sind künftig eben Wüstungen. Das wird man nicht verhindern können." Der eher düsteren Einschätzung setzte Willi Göttsche liberalen Optimismus entgegen: "Für eine gute Zukunft brauchen wir Eintracht, Fleiß und gute Bildung."

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