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AUSTAUSCH : Technik statt Narkose mit Blasebalg

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ram Chandra Dhakal aus Nepal macht ein fünfwöchiges Praktikum im Itzehoer Klinikum, um die Funktionen einer Beatmungsmaschine zu lernen.

Jeden Morgen wandert Ram Chandra Dhakal eine Stunde bis ins Krankenhaus. Er läuft schnell. Wer ihn begleitet muss Hackengas geben, um mit ihm Schritt zu halten. „Darum bin ich auch so dick“, scherzt der tatsächlich gut durchtrainierte junge Mann. Auf dem Weg begegnen ihm des öfteren Menschen, die ihre kranken Angehörigen auf dem holprigen Schotterweg in das kleine Hospital mitten im Bergland Nepals tragen. Teilweise sind diese Menschen tagelang unterwegs, erzählt der zweifache Vater. Ram Chandra Dhakal arbeitet als Certified Medical Assistant (CMA), also als eine Art Krankenpfleger mit Spezialausbildung im Bereich der Anästhesiologie, im Amppipal Hospital in Nepal. Dort kommen auf 200 000 Menschen im Einzugsgebiet gerademal zwei Ärzte und 46 Betten. Zum Vergleich: In Itzehoe finden 708 Betten Platz unter dem Dach des Klinikgebäudes. Gerade ist der Narkose-Pfleger dort für fünf Wochen zu Gast, um sich medizinisch fortzubilden.

Für Ram (in Nepal sprechen sich die Menschen mit ihren Vornamen an) ist der Besuch im Itzehoer Krankenhaus fast wie ein Familienbesuch. Die Ärzte, die ihn hier unterstützen, Dr. Wolfram Kluge, Oberarzt, Schmerztherapeut und Anästhesiologe, und Dr. Sabine Zinke, Oberärztin der Chirurgie, haben ihn bereits bei früheren Besuchen in 2007 und 2009 in Nepal fachlich begleitet und stehen ihm nun auch während seines Auslandsaufenthalts in Itzehoe zur Seite. Sie kennen die Bedingungen, unter denen in Nepal medizinisch gearbeitet wird und wissen wie sehr dort gehaushaltet wird, um Ressourcen zu sparen.

Eine Kompresse lässt sich beispielsweise in mehrere Stücke teilen und so mehrfach verwenden, weiß Oberärztin Zinke. Und Wolfram Kluge erinnert sich gut an den Muskelkater im Arm nach einer geglückten Vollnarkose. Denn ein Beatmungsgerät gibt es in Amppipal bislang nicht. Das heißt, der narkotisierte Patient wird während der gesamten Operation mit einer Art Blasebalg von Hand beatmet.

Zeitgleich warten auf den Fluren die Angehörigen, die im Anschluss an die Behandlung für die Patienten-Pflege und für die Versorgung mit Nahrungsmitteln verantwortlich sind. Denn das sei keine Krankenhausleistung. Gerade in der Erntezeit bedeute ein krankes Familienmitglied in Nepal so den Ausfall von mindestens zwei bis drei Arbeitskräften innerhalb einer Familie. „You cannot imagine – Das kann man sich nicht vorstellen“, beschreibt Ram Chandra Dhakal die nepalesische Versorgungssituation, an der er trotz vieler Mängel die familiäre Fürsorge und den Zusammenhalt schätzt.

In Itzehoe sieht die Lage ganz anders aus: „Hier setzt die Medizin auf Sicherheit“, erklärt Wolfram Kluge. Das könne man sich in Nepal nicht leisten. In der durch und durch entwickelten Stadt, so wie der Nepalese die Kreisstadt vor seinem kulturellen Hintergrund erlebt, laufe alles geordnet ab und hochtechnisiert. Eine Operation am offenen Herzen sei für Ram Chandra Dhakal das absolute Highlight gewesen – unter nepalesischen Bedingungen fast unvorstellbar.

„Hier besitzen die Beatmungsgeräte sogar eine integrierte Heizung“, macht Wolfram Kluge auf ein komfortables, aber eigentlich nicht notwendiges Extra in der Anästhesiologie aufmerksam. Der Oberarzt habe aus der Zeit in Nepal auch gelernt und ein wenig von der ursprünglichen Arbeitsweise dort mit nach Itzehoe genommen: „Ich beobachte viel mehr“, erzählt er. Anstatt nur auf den Wert des Blutdruckgeräts zu achten, taste er beispielsweise auch direkt am Handgelenk. „Wie sich das anfühlt, verlernt man leicht“, beschreibt er.

Kluge begrüßt, dass der kulturelle Austausch mit dem Krankenhaus Amppipal durch den ausländischen Besucher nun auch für viele andere Mitarbeiter der Itzehoer Krankenhausbelegschaft ein Gesicht bekomme. Das Projekt zur Selbsthilfe sei bereits durch eine interne Spendenaktion bekannt: Mit der Aktion „Cent hinter dem Komma“ unterstützen mittlerweile bereits an die 450 Mitarbeiter des Klinikums das Krankenhaus in Nepal.

Wolfram Kluge und Sabine Zinke helfen konkret, indem sie Ram während seines Praktikums in Itzehoe darin schulen, ein einfaches Beatmungsgerät zu bedienen, das auch unter den gegebenen Bedingungen in Nepal eingesetzt werden kann. Die Reisekosten für den medizinischen Assistenten habe der Verein Nepalmed übernommen, ein von 13 Medizinern und Geisteswissenschaftlern gegründeter Verein zur Unterstützung der medizinischen Versorgung in Nepal mit derzeit europaweit etwa dreihundert Mitgliedern. Für Kost und Logis vor Ort komme das Itzehoer Klinikum auf.

Auch für die Nachhaltigkeit des Austauschprojekts sei gesorgt: Mit Unterstützung der Firma Dräger aus Lübeck erwarte den Nepalesen nach seiner Rückkehr in das Bergland eine Arbeitserleichterung. Nach seinem täglichen Fußmarsch zum Hospital wird er zukünftig für die Beatmung nicht mehr selbst Hand anlegen, sondern ein nagelneues Beatmungsgerät einschalten können.

 

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erstellt am 01.Mai.2014 | 08:15 Uhr

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