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Ende einer Ära : Tankstellen-Aus: Tüfteln statt Trauer

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Abriss am Itzehoer Holzkamp: Harald Wilkens blickt zurück auf 82 Jahre Firmengeschichte – und sucht das Perpetuum mobile.

von
erstellt am 20.Sep.2014 | 16:00 Uhr

Denken, bauen, verwerfen. Und wieder von vorn. Und noch einmal. Seit Jahren versucht Harald Wilkens, ein Perpetuum mobile zu entwickeln. Sein Traum ist es, dieses bisher rein hypothetische Gerät als Energiequelle zu nutzen. Sehr lange habe er diese Idee im Kopf gehabt, sagt der 74-Jährige. Aber als Benzinverkäufer sei das nicht gegangen.

Von der Tankstelle am Holzkamp, an der Wilkens Benzin verkaufte, ist nicht mehr viel zu sehen. „Wahnsinn, alles weg“, staunt der Oldendorfer. Zwei Monate lang sei er nicht dort gewesen, jetzt ist der Abriss fast vollendet, der Platz für ein Mehrfamilienhaus macht (wir berichteten). Auch die großen Tanks sind ausgebuddelt: „Was da alles zum Vorschein kam, ich war sprachlos“, sagt Ruth Esch. Die 84-Jährige wohnte erst im Tankstellengebäude, seit langem lebt sie direkt nebenan. „Ich habe es noch nicht begriffen, die Tränen werden noch kommen“, sagt Wilkens. „Dass dieser Tag mal kommen würde, war klar – man kann die Zeit nicht zurückdrehen.“

Erinnerungen bleiben. Sein Großvater Friedrich Tychsen kaufte 1932 die Tankanlage mit Kohlenhandlung. Schwiegersohn Johannes Wilkens baute die Hinterhof-Tankstelle weiter aus. Als der Mann mit Hut und Zigarre habe er sich mit seiner freundlichen und zuvorkommenden Art Hunderte Stammkunden gesichert, schildert der Sohn. Harald Wilkens kam Ende 1964 nach der Prüfung als Kraftfahrzeugmeister mit seiner Frau Gesa in den Betrieb. „Aus der Not heraus“, weil die Tankstelle zu wenig abgeworfen habe, sei eine Waschanlage eingerichtet worden. Über persönlichen Kontakt und netten Service habe die versteckt liegende Firma ihre Kunden gewonnen und gehalten, das galt auch nach dem Tod des Vaters 1970.

Aus der Waschanlage wurde eine Waschstraße, an Spitzentagen wurden 400 Autos gewaschen. Bis zum Sandberg hätten sich die Autos gestaut und seien von der Polizei weggescheucht worden, schildert Wilkens. Ein Biotop auf der Waschstraße, das Umweltetikett „Blauer Engel“ und die von der Weltausstellung in den USA 1981 importierte Filz-Textil-Autowäsche, stets seien neue Ideen umgesetzt worden. „Wir haben gern gearbeitet von morgens früh bis abends spät, immer wieder voller Freude“, sagt Wilkens, der seinen treuen Kunden noch heute dankbar ist. In einem Monat seien einmal 2000 Unterschriften gesammelt worden, als die Stadt die Tankstelle vom Holzkamp weg haben wollte. 2001 verkaufte er an einen neuen Eigentümer. Zunächst brummte das Geschäft weiter, dann ging es bergab, auch aus gesundheitlichen Gründen. Nach 82 Jahren gehe eine Firmenlegende zu Ende.

„Richtig traurig“ schaut Wilkens auf die Reste der Tankstelle. Andererseits: „Das hier gibt mir nochmal Kraft, etwas Neues zu erfinden.“ Er weiß: Ein Perpetuum mobile kann es nach den physikalischen Gesetzen nicht geben. Doch der Mensch mache die Welt mit dem Ressourcenverbrauch kaputt, deshalb wird er weitertüfteln: „Ich schaffe es!“

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