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Norddeutsche Rundschau

23. November 2017 | 18:00 Uhr

Klavierkonzert : Sympathische Rampensau mit Witz

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Von romantisch bis bombastisch: Jazz-Pianist Joja Wendt überzeugt bei Konzertabend vor ausverkauftem Haus im Theater Itzehoe

von
erstellt am 06.Mai.2016 | 17:00 Uhr

Diese Geschichte wird das Leben des sechsjährigen Ty Janke aus Hademarschen begleiten: Bei Joja Wendts Gruselkomposition „Geisterhaus“ durfte er mitspielen – im Dracula-Kostüm mit LED-Lichthandschuhen an einem echten Grusel-Miniklavier, umwabert von geheimnisvoll zuckenden Lichtreflexen und Nachtnebel. Tys Flügelbewegungen steuerten das Geister-Schuhuu des Publikums im (bis auf drei Plätze unterm Dach) ausverkauften Theater. Joja Wendt überschüttete den kleinen Klavierkünstler mit Zuneigung. Vom Publikum erhielt er Applaus ohne Ende. Strahlend nahm er sein Geschenk, Wendts Buch „Der kleine Flügel“, entgegen. Er kannte es allerdings schon auswendig. Denn zu den zwei Konzerten in den Vorjahren hatte seine Mutter seine beiden älteren Brüder, echte Joja-Fans, mitgenommen: Und nun durfte auch der Kleine als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk mit zu Joja. Den kannte er schon von seinen Brüdern und der Online-Klavierakademie. Was seine Mutter an Joja Wendt so toll findet (außer seiner Klavierkunst natürlich): Dass er so einfühlsam und respektvoll mit ihrem Kind umgegangen ist.

Das fand das Publikum übrigens auch. Joja Wendt ist, respektlos gesagt, eine Rampensau, die das Publikum scheinbar mühelos um die klavierspielenden Finger wickelt, die auch noch per Live-Kamera auf eine Riesenfläche über dem Wendt-Flügel projiziert werden. Was man schon an seinen unfassbar schmeichelhaften Storys über Itzehoe, seiner „heimlichen Heimat“, bemerkt. Wendt ist da ein Mitmach-Entertainer, wie er im Buche steht. Aber wenn er einzelne im Publikum anspricht, ist er spontan, zugewandt und ehrlich. Es hatte einfach Witz, wie er dem Ehepaar Kleinert zum 55. Ehejubiläum „Just Married“ widmete - mit angeblich live zugeschaltetem Filmorchester in Babelsberg. Voll echter Empathie waren seine witzigen Dialoge mit Eline Meurer, die beim „Typewriter Song“ in künstlerischer Freiheit exakt jenen Bimmelim-Anschlag wählte, der Joja vor interpretative Herausforderungen stellte.

Nun darf man sich ein Konzert mit Joja Wendt nicht nur als permanente Publikumsshow vorstellen. Der Akkord-Arbeiter zeigt auch, was er am Klavier kann, speziell an seinem Flügel, der, hydraulisch gesteuert, mitswingt, sich verbeugt oder einfach nur abhebt, wenn Joja seine Boogie-Woogie-Nummer in rasender Geschwindigkeit nur noch im Stehen spielen kann.

Joja kann, wen wundert’s, auch klassisch. Aber schon beim einleitenden cis-Moll-Prélude von Sergei Rachmaninow schwelgte er in den Bombast-Akkorden, die sein Crossover von Klassik zu Jazz und Rock ankünden. Überhaupt die Akkorde: Seine gebrochenen Dreiklänge, und dieses Zitat liegt nahe, brechen die Herzen der stolzesten Frauen, was leicht am überdeutlichen Frauenüberschuss und den damit einhergehenden Seufzer-Motiven abzuhören war. Seine „Helix“-Komposition zeigte, dass er auch den romantischen und kontemplativen Anschlag beherrscht.

Fazit: Itzehoe war wieder „Wendt-Land“. Es erlebte ein „Ewendt“ voller mitreißender Piano-Eskapaden dieses ungemein sympathischen Künstlers.

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