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„Susanne war RAF – und das nicht aus Versehen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ihr Zuhause gibt es nicht mehr, es ist nun ein Tatort. Als Corinna Ponto nach dem RAF-Mord an ihrem Vater am 30. Juli 1977 aus London in ihr Elternhaus in Oberursel zurückkommt, ist ihr Leben von da an lange Zeit fremdbestimmt. „Ich teile die Menschen nun in die ein, die eine Geschichte zu erzählen haben, und die anderen“, sagt sie – und zählt sich zur ersten Kategorie.

Wie die Familienangehörigen Jürgen Pontos und der Terroristin Susanne Albrecht damit umgingen, schildert das Buch „Patentöchter“ von Susanne Albrechts Schwester Julia sowie Pontos Tochter Corinna. Darauf basiert das gleichnamige Theaterstück von Mirko Böttcher, der für die Berliner Produktion auch Regie führte. Im Studio des Theaters setzten sich im intensiven Kammerspiel stellvertretend für die beiden ursprünglich befreundeten Familien zwei Schauspielerinnen auseinander, die den Stand der Beziehung auch instrumental unterstrichen.

Katja Kettner muss als Julia Albrecht, die zur Tatzeit erst 13 Jahre alt war, begreifen, dass ihre Schwester von ihren RAF-Kumpanen nicht überrumpelt wurde, als sie diesen Zugang zur befreundeten Familie Ponto verschaffte: „Susanne war RAF – und das nicht aus Versehen.“ Im Stammheimer Prozess gegen die Terroristin erwartet sie ein Monster und trifft auf eine taktisch agierende Kronzeugin, die sich damit eine neue Identität erkauft – und ihre Schwester längst vergessen hat.

Silke Buchholz bekennt sich hingegen als Corinna Ponto dazu, dass sie die Opferrolle mehr hasst als die Täter. Sie sieht sich eher als ein Opfer der lückenhaften Geschichtsschreibung.

Beide beeindruckten das Publikum durch den geschickten Perspektivenwechsel, der das Ereignis auch aus der Sicht von Susannes Mutter Ignes Ponto und den Eltern Albrecht spiegelt.
Die bittere Erkenntnis: Es gibt Ex-Täter, aber keine Ex-Opfer. Dennoch schaffen sie es über die Auseinandersetzung, die in der Realität das gemeinsam verfasste Buch schaffte, sich von der Zwangsrolle zu emanzipieren. So gipfelt die Darstellung in Corinna Pontos Wutausbruch: „Es bleibt das Tableau einer unaufgeklärten Zeit. Es ist kein Baader-Meinhof-Komplex, sondern ein Ost-West-Komplex!“ Sie richtet den Vorwurf an die Politik, dass diese durch die Verquickung von Stasi, Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz doch mehr Interesse an der Vernichtung der Akten als an der Aufklärung gehabt habe. Unterstrichen wird dies während der gesamten Aufführung durch das anschauliche Spiel mit Papierschnipseln aus dem Schredder, die die Bühne bedecken. Ponto verknüpft dies mit der Frage: „Warum gibt es in Deutschland keine Erinnerung an die Opfer des RAF-Terrors?“

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