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Norddeutsche Rundschau

24. Oktober 2017 | 13:44 Uhr

Explosion : Suche nach der Schuldfrage

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach der Explosionskatastrophe vom 10. März wird gegen den Baggerfahrer wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen ermittelt. Doch die Schuldfrage ist längst nicht geklärt – der Ausgang des Verfahrens ist völlig offen.

von
erstellt am 15.Aug.2014 | 05:00 Uhr

„Wie kann das denn angehen?“, „Warum wird ihm jetzt die Schuld zugeschoben?“, „Was kann er denn dafür?“ – Das Entsetzen ist groß, seit gestern berichtet wurde, dass gegen den Baggerfahrer, der am 10. März vor der Explosion in der Schützenstraße arbeitete, wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen ermittelt wird. Der Mann war bei dem Unglück selbst schwer verletzt worden. Das Gerechtigkeitsempfinden vieler, so zeigen zahlreiche Kommentare auf Facebook, geht in eine andere Richtung: „Er ist doch selbst ein Opfer.“

Auf Nachfrage erklärt Staatsanwalt Peter Müller-Rakow den juristischen Hintergrund: „Der Baggerfahrer steht am Beginn des Kausalverlaufs.“ Er hat gewissermaßen den Ablauf der fatalen Ereignisse angestoßen. Deshalb richte sich das Ermittlungsverfahren zunächst auch gegen ihn. Das sei mitnichten eine abschließende Schuldzuweisung, der Ausgang sei noch völlig offen. „Die Kernfrage ist, ob ihm eine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorzuwerfen ist.“ Dabei müsse dann auch geprüft werden, ob diese mögliche Verletzung auch die Ursache für das Unglück ist.

So, wie beispielsweise auch ein Arzt oder Jurist, habe auch ein Baggerführer eine Sorgfaltspflicht, erklärt Müller-Rakow. „Er kann nicht einfach drauf los baggern, sondern muss unabhängig von Planungen darauf achten, wohin er baggert.“ Die Gasleitung vor dem Haus weise mechanische Spuren auf, wurde also offenbar berührt. Die Ermittlungen müssten nun ergeben, ob der Baggerfahrer gar nichts von diesem Rohr wissen konnte oder ob er es hätte sehen müssen.

Dass ein Verfahren geführt werde, sei auch mit Blick auf die Opfer unumgänglich. Aber: „Selbstverständlich werden in die Ermittlungen sämtliche Umstände mit einbezogen“, betont Müller-Rakow. Dazu gehöre natürlich auch die Tatsache, dass die Gasleitung nicht im digitalen Kataster eingetragen war. Im strafrechtlichen Sinne könne „die Stadt“ allerdings nicht als Beschuldigter angesehen werden, es gehe immer um menschliche Verantwortungsträger.

Für Rechtsanwältin Katja Münzel, die den Baggerfahrer vertritt, gibt es nur einen möglichen Ausgang des Verfahrens: „Einstellung mangels hinreichenden Tatverdachts.“ Ihr Mandant habe seine Sorgfaltspflicht nicht verletzt. „Es gab jeden Morgen eine Baubesprechung, so auch am 10. März“, erklärt sie. Der Schachtmeister habe auf den Plan geschaut und gesagt: „Hier sind keine Leitungen, kann los gehen.“ Darauf habe der Baggerfahrer vertraut. „Er hat sich auf die verlassen, die es wissen müssten.“

Durch das Ermittlungsverfahren laste ein großer Druck auf dem Mann, sagt Katja Münzel. Er habe bei dem Unglück einen Kollegen verloren und wurde selbst schwer verletzt. Blutüberströmt und mit durchtrennten Sehnen an den Händen habe er noch im Schutt einen Verletzten freigegraben, bevor er ins Krankenhaus kam. Es bedrücke ihn, „warum er nun schuld sein soll an dem Ganzen“. Dazu komme, dass bereits Geschädigte Ansprüche gegen ihn geltend gemacht haben. „Es belastet natürlich, wenn man befürchten muss, nie wieder einen Euro für sich zu haben.“

Dass nun ans Licht kam, dass 1977 bei der Digitalisierung des Katasters offenbar eine Panne passierte, sei eine Erleichterung für ihren Mandanten, sagt Katja Münzel. „Dass keine Leitung im Plan war, ist das, was er ja auch immer gesagt hat.“ Es könne am Ende auch Einfluss auf die Frage haben, wer für den Schaden haftet. Doch zunächst bleibe nur: „Abwarten und auf die Einstellung hoffen.“

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