Sammler in der Wilstermarsch : Sturmfluten sind seine Leidenschaft

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Als Jugendlicher und später als Feuerwehrmann erlebte Herbert Förthmann zahlreiche Hochwasser – seitdem lässt ihn das Thema nicht mehr los.

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27. Januar 2018, 05:00 Uhr

Seine erste Sturmflut hat er im Alter von 16 Jahren erlebt. Das war 1962. Damals wohnte der junge Herbert Förthmann noch in Wedel. Inzwischen ist er 71 und lebt schon lange in der Wilstermarsch – und das Thema hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Aber nicht nur in seinem Gedächtnis haben sich zahlreiche persönlich erlebte Hochwasser fest verankert. Förthmann sammelt auch alles, was mit Sturmfluten in der Region zu tun hat.

„Meine erste Sturmflut schnitt mir den Weg zur Schule ab“, erinnert sich Herbert Förthmann noch gut und langt nach einem seiner zahlreichen Aktenordner. Ein Griff und er präsentiert Bilder aus seiner alten Heimat Wedel. Die Straße vor der Tür zu seinem Wohnhaus stand komplett unter Wasser, die Menschen waren mit kleinen Booten unterwegs. Damals wollte er eigentlich gleich zur Feuerwehr, was aber mit 16 noch nicht möglich war. So machte der junge Förthmann erst einmal eine Schlachterlehre.

1962 habe die Flut die Menschen völlig unvorbereitet getroffen. „So etwas hatte ja noch keiner von uns je erlebt.“ Und diese Bollwerke, wie man sie heute kennt, habe es auch noch nicht gegeben. „Auch halb Itzehoe ist damals ja abgesoffen.“

Gut zehn Jahre später kam die nächste große Sturmflut, die vielen Menschen heute gar nicht mehr so präsent sei. Das war 1973. Herbert Förthmann hatte es in jenem Jahr gerade geschafft, seinen Traumberuf zu ergreifen. Er war hauptberuflich Feuerwehrmann bei Blohm und Voss. „In dem Jahr gab es innerhalb von vier Wochen gleich fünf schwere Sturmfluten an Nordsee und Elbe.“ Wieder waren auch große Teile seiner Heimatstadt betroffen. „Die Kinder hatten alle schulfrei, und die Elektrizitätswerke stellten vorsorglich den Strom ab.“ Förthmann fasst prägnant zusammen: „Wir sind damals fünf Mal kurz hintereinander abgesoffen.“ In seinem Wohnhaus in der Wedeler Mühlenstraße habe das Wasser zeitweise so hoch gestanden, dass vom Treppengeländer im Flur nur noch der Knauf des Handlaufs zu sehen war. Für Förthmann bedeutete das Dauereinsatz. Erst die Schicht als Feuerwehrmann, dann der Kampf gegen die Fluten in eigener Sache. „Ich habe ganze Nächte lang Sandsäcke gepackt.“ Vier der fünf Fluten des Jahres 1973 seien immerhin so hoch wie die 1962er Flut gewesen.

Es ging aber auch noch höher, und zwar schon drei Jahre später. 1976 erlebten die Menschen die bislang höchste gemessene Sturmflut. Ihr Glück: Die nach 1962 ergriffenen Schutzmaßnahmen griffen bereits und bewährten sich, sodass Schlimmeres verhindert werden konnte. Für Feuerwehrmann Förthmann waren es trotzdem prägende Erlebnisse. Zum Beispiel als er beim Sichern des Daches fast von einem Hochhaus geweht worden wäre. Der 71-Jährige erinnert sich noch gut an diese Zeit: „Die große Flut kam an einem Sonnabend. Am Tag zuvor waren noch Schafe mit Schlauchbooten von einer Weide geholt worden.“ Er habe noch versucht, durch den alten Elbtunnel zu seinem Arbeitsplatz auf dem Werftgelände zu gelangen, als ihm dort schon Wassermassen entgegenkamen und den Weg versperrten. „In der damals neuen Wedeler Feuerwache ist das Wasser einfach nur so durchgerauscht.“ Und in der Haseldorfer Marsch habe es damals einen Deichbruch gegeben. „In Brokdorf wäre das auch fast passiert“, macht Förthmann deutlich, wie knapp die Menschen auch in der Wilstermarsch damals an einer Katastrophe vorbeigeschrammt waren. 2002 war Herbert Förthmann dann noch einmal im Sturmfluteinsatz, diesmal allerdings nicht in seiner Heimat, sondern in Dresden. Von der Feuerwehrzentrale in Nordoe aus hatte auch der Kreisverband Helfer an den Oberlauf der Elbe geschickt, die dort kräftig mit anpackten.

2002 war auch das Jahr, in dem Förthmann seine Arbeit als hauptberuflicher Brandbekämpfer – inzwischen bei einer Werkswehr in Brunsbüttel – an den Nagel hängen konnte. Ehrenamtlich ist er allerdings bis heute aktiv. Bis vor vier Jahren stand er seinen Mann bei der Feuerwehr in seiner Wahlheimat St. Margarethen, bis heute hegt und pflegt er das Archiv des Kreisfeuerwehrverbandes. „Da hat jede Wehr ihren eigenen Aktenordner“, hat Förthmann auch hier alles für die Nachwelt sortiert und gesammelt.

Dass Herbert Förthmann den Ruhestand in seinem Haus in St. Margarethen fast in Sichtweite zur Elbe verbringt, beunruhigt ihn trotz lebenslanger Sturmfluterfahrungen nicht sonderlich. Der 71-Jährige vertraut auf die in den vergangenen Jahrzehnten getroffenen Schutzmaßnahmen. „Die Deiche sind heute so gut, dass sie standhalten. Am Rhein hätte ich mich längst eingemauert.“ Und hier weiß er : „Bei einer Flut laufen erst einmal die tiefen Stellen voll, und das ist bei uns die tiefste Landstelle.“ Ohnehin könne er sich ein Leben woanders nicht vorstellen. „Wenn man am Wasser groß geworden ist, will man nicht weg.“

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