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Norddeutsche Rundschau

18. Dezember 2017 | 02:01 Uhr

„Strahlenbelastung wird sich erhöhen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Atomkraftgegner Karsten Hinrichsen hält frei gemessenes Material beim Rückbau des Brunsbütteler Kraftwerks für gefährlich

von
erstellt am 20.Sep.2017 | 00:00 Uhr

Zwei Seelen schlagen in seiner Brust: Im kommenden Jahr soll der Rückbau des Brunsbütteler Kernkraftwerks beginnen – Atomkraftgegner Karsten Hinrichsen aus Brokdorf müsste jubeln. Doch stattdessen sorgt er sich, dass am Ende ein gutes Stück Sicherheit für Mensch und Umwelt auf der Strecke bleibt, weil von Radioaktivität frei gemessenes Material zu früh in den Stoffkreis gelangen könnte.

Herr Hinrichsen, wenn frei gemessenes Material beim Menschen zu einer zusätzlichen jährlichen Strahlenbelastung von weniger als 10 Mikrosievert führt, gilt das als unbedenklich. Das entspricht etwa einem Hundertstel der natürlichen Radioaktivität. Warum genügt Ihnen das nicht?
Hinrichsen: Der Vergleich mit der natürlichen Radioaktivität, durch die in Deutschland jährlich ca. 10  000 Menschen sterben, lenkt davon ab, dass es beim Rückbau zu einer zusätzlichen, vermeidbaren Strahlenbelastung kommen wird. Jegliche radioaktive Strahlung ist gesundheitsschädlich. Die Strahlenbelastung durch ein laufendes AKW liegt bei fünf Mikrosievert im Jahr. Die weltweit anerkannte Kinderkrebsstudie hatte für Kinder unter fünf Jahren, die näher als fünfzig Kilometer an einem der AKW in Deutschland wohnten, im Untersuchungszeitraum 1980 bis 2003 folgendes Ergebnis: Es erkrankten zusätzlich 121 bis 275 Kinder an Krebs. Die Strahlenbelastung durch frei gemessenes Material ist also keineswegs vernachlässigbar. Daher muss der Grundsatz des Strahlenschutzes: „So gering wie möglich“ auch bei dem Rückbau von Atomanlagen beachtet werden.

Demnach ist das Freimessen also keine geeignete Unbedenklichkeitsbescheinigung?
Genau; denn im frei gemessenen Material können immer noch radioaktive Stoffe enthalten sein. Diese dürfen, z. B. als Metallschrott, eingeschmolzen und daraus Dinge des täglichen Gebrauchs hergestellt werden: Töpfe, Heizkörper, Zahnspangen usw. Oder: Möchten Sie Strahlsand, also Sand, der nun selbst radioaktiv ist, weil mit ihm Metall- oder Betonteile von Radioaktivität gereinigt wurden, zur Befestigung Ihrer Grundstücksauffahrt verwenden? Strahlsand kann – da er nach dem Freimessen als nicht radioaktiv gilt – auch in den Sandkisten von Spielplätzen landen.

Wo sollen die frei gemessenen Stoffe denn lagern?
Es handelt sich dabei um geringe Mengen, ca. 20  000 Tonnen der Gesamtmasse von 300  000 Tonnen des AKW Brunsbüttel, falls keine begrenzten Areale mit erhöhter Strahlung entdeckt werden, so genannte Hot Spots. Sie könnten im entkernten Maschinenhaus gelagert werden. Oder im LasmA, dem Lager für schwach- und mittelradioaktives Material, für das Vattenfall eine Baugenehmigung beantragt hat. Oder im Standortzwischenlager, in dem ja nur zwanzig Castoren statt der geplanten achtzig Castoren stehen. Der Deutsche Ärztetag appelliert übrigens an die Bundesregierung, sich für die Aufbewahrung von frei gemessenem Material auf dem Kraftwerksgelände einzusetzen.

Glauben Sie, dass dies den Standortgemeinden, die auf die grüne Wiese nach dem Rückbau hoffen, gefällt?
Die „grüne Wiese“ wird es ja solange nicht geben, bis die Castoren abtransportiert werden. Bis dahin ist es auch für die Bevölkerung in Brunsbüttel von Vorteil, wenn das frei gemessene Material möglichst lange gesichert auf dem Kraftwerksgelände bleibt und einen Teil seiner Gefährlichkeit durch radioaktiven Zerfall verliert. Denn auch in Brunsbüttel wird sich die Strahlenbelastung durch die frei gemessenen Stoffe erhöhen.

Sie bemängeln, dass Vattenfall als Kraftwerksbetreiber für den geplanten Rückbau zu hohe Radioaktivitätsabgaben beantragt hat.
In der Tat: Vattenfall hat die Grenzwerte für die Abgabe von radioaktiven Aerosolen über den Schornstein in die Luft und mit dem Abwasser in die Elbe während des Leistungsbetriebs nur zu einem Tausendstel genutzt. Trotzdem hat Vattenfall für die Zeit des Rückbaus erneut die gleichen Grenzwerte beantragt. Die radioaktive Belastung könnte also um das Tausendfache gegenüber den bisherigen Werten ansteigen. Mensch und Natur dürfen nicht aus Kostengründen als Deponien für Atommüll missbraucht werden.

Die Genehmigungsbehörde soll die Zügel straffer ziehen?
Eindeutig ja.

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