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Norddeutsche Rundschau

19. August 2017 | 00:25 Uhr

„Stolpersteine“ erinnern an NS-Opfer

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte gestern in Meldorf zwei kleine Mahnmale / Gedenken an ermordete Kinder

„Das wäre damals nicht möglich gewesen“, sagt Dorothee Hunfeld, Vorsitzende der Stiftung Mensch in Meldorf, nachdenklich, als eine Gruppe Astrid-Lindgren-Schüler den Platz an der Grabenstraße 4 in Meldorf passiert, an dem Gunter Demnig gerade einen seiner „Stolpersteine“ gegen das Vergessen von NS-Opfern verlegt. Die Jungen und Mädchen mit Behinderungen, die aus dem Bus gestiegen sind und fröhlich durch die Grabenstraße gehen, hätten in der Zeit des Nationalsozialismus keine Chance gehabt, überhaupt so alt zu werden, um eine Schule besuchen zu können. Der frisch einzementierte Stolperstein erinnert an die kleine Antje Hinrichs, die 1944 im Alter von vier Jahren wegen einer nicht genau diagnostizierten Behinderung im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort in Hamburg umgebracht wurde. So wie auch Heinke Hoffmann, die nur zwei Jahre alt werden durfte. Sie litt an Hydrocephalie, im Volksmund als Wasserkopf bezeichnet.

„Meldorf hat ein einzigartig inklusives Profil als Stadt, in der Menschen mit Behinderung im Stadtbild eine Selbstverständlichkeit sind“, sagt Bürgermeisterin Anke Cornelius-Heide, „das war nicht immer so.“ Um so wichtiger sei es, dass die Stolpersteine an Heinke Hoffmann und Antje Hinrichs erinnern.

Für Dorothee Hunfeld passt diese Aktion gut in das zu Ende gehende 750. Jubiläumsjahr der Domstadt. Die Ideen zur Verlegung habe es bereits vergangenes Jahr gegeben. Doch da feierte die Stfitung Mensch ihr 50-jähriges Bestehen. Eine so ernste Sache wie die Stolpersteine wären im Jubiläumstrubel untergegangen.

Froh ist sie auf jeden Fall, an die Namen der beiden Mädchen erinnern zu können, deren Leben heute so völlig anders verlaufen wäre. Aus Meldorf heraus sei der Gedanke der Inklusion im Land verbreitet worden. Hunfeld: „Wir sind die älteste Einrichtung.“

Und die eröffnete 1978 ausgerecht am Gustav-Frenssen-Weg neben dem ehemaligen Meldorfer Krankenhaus ein Wohnheim für Menschen mit Handicap. Der Barlter Heimatdichter, der der Straße ihren Namen lieferte, ist in Dithmarschen inzwischen wegen seiner späten, dem Nationalsozialismus zugewandten Jahre in Ungnade gefallen. In Meldorf wurde die Straße in Siegfried-Lenz-Weg umbenannt. Gern hätte Hunfeld dort an Heinke Hoffmann erinnert, deren kurzes Leben im damaligen Krankenhaus der Domstadt begann. Doch die Stadtvertretung wollte den Dichter Siegfried Lenz würdigen. Der Stolperstein für Heinke Hoffmann sei für sie nun eine Versöhnung mit der Stadt, sagt Dorothee Hunfeld.

Heinke Hoffmann, deren Eltern in Burg lebten, wurde wegen ihrer Erkrankung wenige Tage vor ihrem Tod in die Kinderfachabteilung des Krankenhauses Rothenburgsort eingewiesen. Sie starb an den Folgen einer Untersuchung. Damit blieb ihr das Schicksal von Antje Hinrichs erspart. Denn zur so genannten „Behandlung“, der behördlichen Erlaubnis an das Krankenhauspersonal, sie umzubringen, war sie bereits angemeldet.

Antje Hinrichs, der eine Entwicklungsstörung bescheinigt worden war, durchlief ein Martyrium. Ihre Eltern waren vor dem Hamburger Feuersturm nach Meldorf geflohen. Obdach fanden sie in der Grabenstraße 4. Doch erneut habe das Mädchen keine Sicherheit gefunden, erklärt Klaus Alberts. Der Meldorfer hat sich mit der kurzen Lebensgeschichte der beiden Mädchen befasst. Antje sei „nervenleidend“ gewesen attestierte ein Arzt, ein anderer diagnostizierte „Schwachsinn“. Der zuständige Reichsausschuss ließ sie von den Alsterdorfer Anstalten , wohin sie ein Meldorfer Arzt überwiesen hatte, nach Rothenburgsort überstellen, an ihr wurden Experimente vorgenommen – bis die Genehmigung zur „Behandlung“ eintraf. Eine Spritze beendete ihr Leben.

Mit den beiden Stolpersteinen erinnere Meldorf an eine dunkle Vergangenheit, verknüpft mit dem dringenden Wunsch, dass solche Zeiten nie wieder zugelassen werden dürften, sagt Anke Cornelius-Heide.

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erstellt am 03.Dez.2015 | 00:32 Uhr

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