Stör-Wanderung: Mini-Sender im Bauch

<strong>Gleich schwimmt</strong> der kleine Stör in der Stör. Jörn Gessner (li.) und Frank Fredrich vom Leibniz-Institut leiten das Telemetrieprojekt.
Gleich schwimmt der kleine Stör in der Stör. Jörn Gessner (li.) und Frank Fredrich vom Leibniz-Institut leiten das Telemetrieprojekt.

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04. Mai 2010, 07:14 Uhr

Kellinghusen/Rosdorf | Sie sind knapp 30 Zentimeter lang und tragen winzige Sender in der Bauchhöhle. Zwei noch kein Jahr alte Störe wurden in Rosdorf in die Stör gesetzt, sie sollen auf ihrem Weg bis zur Mündung Aufschluss geben über ihr Wanderverhalten und das Nahrungsangebot auf der Strecke. Im Rahmen des Telemetrie- und Markierungsprogrammes werden ihre Ultraschallsignale etwa drei Wochen lang über Empfänger-Bojen in Breitenberg, Itzehoe, Heiligenstedten, Beidenfleth und Wewelsfleth aufgefangen und registriert.

Der zweite experimentelle Besatz mit dem Europäischen Stör in dem Tidenfluss ist ein Glied in der Kette vielfältiger Maßnahmen des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei zur Wiedereingliederung des nahezu ausgestorbenen Urfisches in der Mittel- und Unterelbe, Stör und Oste. Der erste experimentelle Besatz mit 53 Stören im Kreis Steinburg fand vor einem Jahr im Rahmen des Itzehoer Störschipperfestes statt, bis 2012 wird es in der Stör weitere Besatzversuche geben.

Dem Aussetzen der beiden Fische war im Kellinghusener Bürgerhaus eine Informationsveranstaltung des Touristikvermarkters Holsteiner Auenland vorausgegangen für die Anrainergemeinden der Stör, Behördenvertreter aus den Bereichen Wasserwirtschaft und Naturschutz des Kreises und des Landes sowie Sportfischerverbände. Erik Bornholdt, Holsteiner Auenland, wies in seiner Begrüßung auf die Notwendigkeit hin, das Bewusstsein für den Stör in der Öffentlichkeit zu schärfen. Jörn Gessner und Frank Fredrich vom Leibniz-Institut berichteten über erste Ergebnisse und Perspektiven des Experiments, das mit Mitteln des Bundes und der Anrainerländer, bis hin nach Brandenburg, finanziert wird.

Der Europäische Stör wurde vor gut hundert Jahren an den Rand des Aussterbens gedrängt. Ein wesentlicher Grund sei die Jagd auf den Kaviarlieferanten gewesen. Wurden bis in die 1880er Jahre jährlich im Unterelbebereich etwa 250 Störe gefangen, waren es nach Einsetzen der Industrialisierung der Fischerei Ende des 19. Jahrhundert 5000 pro Jahr. Flankierende Maßnahmen zur beabsichtigten Wiedereinbürgerung seien notwendig, wie Laichfischbestände aufbauen, das Telemetrie- und Markierungsprogramm, Renaturierungsmaßnahmen in den Flüssen und die Einbeziehung der Öffentlichkeit.

Den einzigen freilebenden, aber "abenteuerlich kleinen" Bestand an Europäischen Stören gebe es in Flüssen der französischen Atlantikküste, mit abnehmender Tendenz. Die männlichen Tiere erreichen mit acht bis zwölf Jahren die Geschlechtsreife, die Weibchen mit zwölf bis 15 Jahren. Aus dem französischen Bestand rekrutiert das Leibniz-Institut die Nachzucht. "Zur Zeit hängen wir komplett am Tropf der Franzosen."

Fischer, die artengeschützten Störe fangen, registrieren die Markierungen und setzen die Fische wieder aus. So kam am 5. April aus dem dänischen Esbjerg die Nachricht, dass dort einer der vor einem Jahr in Itzehoe ausgesetzten Störe registriert wurde. "Das war der bisher einzige Fang von 53 Fischen", sagte Frank Fredrich. Die Rückkehr in das Laichgewässer, den Heimatfluss geschehe sehr früh, bereits mit der ersten Nahrungsaufnahme. Der Abwanderung von der Stör in die Elbe und Nordsee folge erst nach Jahren die Rückkehr in das Heimatgewässer. Erst wenn alle Voraussetzungen für die Wiedereingliederung des Störs in den Unterelbebereich geschaffen seien, könne der eigentliche Besatz beginnen mit einer Größenordnung von 50 000 bis 100 000 Tieren. Nach weiteren 12 bis 15 Jahren erfolge die natürliche Bestandsvermehrung. 20 bis 25 Jahren dauert es, bis die Maßnahme als Erfolg bezeichnet werden könne.

Wolfgang Möbius vom Wasserbeschaffungsverband "Mittleres Störgebiet" erklärte, dass das Ziel seines Verbandes auf der Grundlage der EU-Wasserrahmenrichtlinie die Schaffung des guten ökologischen Zustandes von Gewässern sei. Unter den an der Vorplanung zur Projektausführung an der Renaturierung der Stör im Oberlauf beteiligten Firmen ist die Ingenieurgemeinschaft Klütz & Collegen, Itzehoe. Stefan Reese erläuterte den Stand der Arbeiten seiner Firma: "Unsere Überlegungen schließen beides ein, die Stör und den Stör." Zwischen Bünzener Au und Kellinghusen soll die Stör mit ihren Nebenflüssen renaturiert werden, die Gesamtlänge einschließlich Nebenflüsse beträgt 44 Kilometer. Gefördert wird das Projekt vom Land-Schleswig-Holstein.

Jens Uwe Lützen aus Itzehoe, der in der Gesellschaft zur Rettung des Störs mitarbeitet, setzt sich seit zehn Jahren für den Fisch und den Fluss ein. Er berichtete, wie sehr in den vergangenen Jahren das Bewusstsein der Bevölkerung gestiegen ist und wies auf zahlreiche Beispiele hin, wie zunehmende Wassersportaktivitäten, Störschipperfeste und das 1. Drachenboot-Rennen, Gemeinden, die den Stör in ihr Wappen aufnehmen, Vorträge, Rundfunkbeiträge und Pressearbeit, das erste Stör-Denkmal in Itzehoe bis hin zum Beginn der Renaturierung der Stör durch das Land Schleswig-Holstein.

Über die zunehmende touristische Bedeutung der Stör berichtete Olaf Prüß, Region Nord, Büro für Regionalentwicklung. Er wünscht sich eine noch bessere touristische Vernetzung mit dem ganzen Bereich der Unterelbe, dafür könne der Stör als länderübergreifendes Element dienen.

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