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Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 02:26 Uhr

Stiller Protest der Milchbauern

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Landwirte versehen Milchprodukte mit Aufklebern, um die Verbraucher auf ihre Not aufmerksam zu machen

shz.de von
erstellt am 12.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Die Aktion dauerte nur wenige Minuten: Die Landwirte Gerd Vock (Itzehoe), Petra Göttsche (Hohenaspe) und Jens Eggers (Oldendorf) stürmten die Supermärkte von Aldi und Sky in Edendorf – und waren kurz darauf auch schon wieder draußen. Zurück blieb eine Botschaft an die Verbraucher. Aufkleber mit dem Hinweis „Ich bin mehr wert, als du bezahlen musst“ klebten auf Milchtüten, Joghurtbechern und Käsepackungen. Mit dem stillen Protest wollen die Milchbauern auf ihre anhaltende Notlage aufmerksam machen. „Die Preise für Milchprodukte im Lebensmittelhandel sind sittenwidrig“, empört sich Gerd Vock. Seine Vergleichsrechnung: Vor 30 Jahren hätten die Milchbauern 50 bis 60 Pfennig für einen Liter Milch bekommen. Aktuell sind es 25 Cent – und das bei doppelt so hohen Produktionskosten. Mindestens 35 Cent müssten die Bauern haben. Die Kritik der Landwirte: Von den zum Teil gewaltigen Handelsspannen komme bei den Produzenten auf den Höfen nichts an. Käse etwa, der auch das Hauptstandbein der Breitenburger Milchzentrale ist, werde für 2,20 Euro das Kilogramm eingekauft. Am Verkaufstresen kämen dann 400 Prozent Aufschlag drauf. Vock: „Und für uns bleiben davon gerade einmal 22 Cent pro Liter Milch.“ Aufregen kann er sich auch über die Preise für Katzenmilch, die für „skandalöse“ vier Euro pro Liter angeboten werde.

Dass die Preise im Lebensmittelhandel letztlich Ergebnis freier Marktwirtschaft sind, wissen auch die Landwirte. „Aber die Verbraucher müssen ja nicht hinter jedem Sonderangebot herlaufen“, sagt Petra Göttsche. Nach einem Gespräch in der Breitenburger Milchzentrale kommt CDU-Kreisvorsitzender Heiner Rickers, der selbst Landwirt ist, allerdings zu dem Urteil, dass „Discounter und Monopolisten die wahren Schuldigen“ seien. „Die drücken die Preise, bis Blut kommt.“ Seine Forderung: Die Meiereien sollten bei den Verhandlungen mutiger sein. Auch der nachgelagerte Bereich von Futtermittellieferanten bis zu Schlepper-Werkstätten sollte den Bauern umgehend zur Seite stehen.

Die Befürchtung der Landwirte in der Region: Wenn beim Milchgeld nicht bald eine Wende kommt, bleiben viele der bäuerlichen Familienbetriebe auf der Strecke. Gerade im Kreis Steinburg gebe es eine über Generationen gewachsene landwirtschaftliche Struktur – noch. „Die Discounter bauen schon große Produktionseinheiten in Osteuropa auf“, meint Vock.

Was die in Itzehoe betroffenen Supermärkte von der Bauern-Aktion halten, war gestern nicht mehr in Erfahrung zu bringen. Bei Aldi war telefonisch niemand erreichbar, die Coop-Zentrale in Kiel musste mit Hinweis auf nicht mehr zur Verfügung stehende Gesprächspartner auf nächste Woche vertrösten. Auch für die Verbraucher lief der Protest so unauffällig ab, dass sie wohl erst beim Auspacken zuhause auf die Aufkleber aufmerksam werden. Aber das war ja auch ein Ziel der vom Bauernverband unterstützten Aktion. Allein in Steinburger Supermärkten wurden 350 Milchprodukte mit entsprechenden Hinweisen versehen. „Vor allem junge Betriebsleiter fragen sich, ob sie bei diesen Rahmenbedingungen nicht lieber aussteigen sollten“, erinnert Gerd Vock daran, dass es hier auch um berufliche Perspektiven für eine neue Generation gehe.

>Milchtankstelle als Alternative - siehe Seite 10

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