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Blinder gründet Jobportal : Stellenangebote für Menschen mit Handicap

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der blinde Carsten Dethlefs besitzt zwei Hochschülabschlüsse, hat in Politikwissenschaften promoviert – und fand trotzdem keine Arbeit. Jetzt vermittelt er sie sogar. Der 33-Jährige hat ein Jobportal speziell für Menschen mit Behinderungen gegründet.

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2014 | 15:37 Uhr

Wrohm | „Die Stelle haben wir anderweitig vergeben. Einen Blinden können wir nicht gebrauchen.“ Diese Aussage würde sich im Normalfall wohl niemand erlauben. Das wäre Diskriminierung. Ganz kann man diesen Gedanken aber nicht verdrängen, es gibt immer diesen bitteren Beigeschmack, wenn Menschen mit Handicap eine Absage erhalten.

„Ich kann nicht sagen, ob meine Blindheit ausschlaggebend war“, sagt auch Carsten Dethlefs. Der 33-Jährige hat sich mehrfach beworben – bisher ohne Erfolg. Dabei ist Dethlefs qualifiziert, hat zwei Hochschulabschlüsse, ist Diplom-Kaufmann und promovierte in Politikwissenschaften. Den Titel seiner Doktorarbeit könnte manch Sehender nicht einmal ablesen, geschweige denn den Inhalt verstehen. Einen angemessenen Job gibt es für den Dithmarscher, der in seiner Heimatgemeinde Wrohm lebt, dennoch nicht.

Also hat Dr. Carsten Dethlefs die Sache kurzerhand selbst in die Hand genommen. Im vergangenen Jahr, nachdem er seinen Doktor bestanden und eine Flut an Absagen auf seine Bewerbung erhalten hatte, gründete der 33-Jährige ein Jobportal speziell für Menschen mit Behinderungen. Bisher leider mit wenig Resonanz. „Da muss ein Umdenken in den Köpfen der Menschen stattfinden. Es ist wichtig, dass man in Möglichkeiten denkt, nicht in Problemen.“

Daher hat es den Wrohmer auch wenig verwundert, dass die Agentur für Arbeit im vergangenen Jahr ratlos war, als Dethlefs plötzlich bei ihnen auf der Matte stand. Anders die Aussage des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein. Dort riet man einem ebenfalls blinden Bekannten, sich doch „schon mal auf ein Leben in Hartz-IV einzustellen“, auf dem rsten Arbeitsmarkt hätte dieser ohnehin keine Chance. Denen sei es anscheinend wichtiger, auf das volle Blindengeld zu pochen, anstatt Aufklärungsarbeit zu leisten. Konkrete Hilfe und praktische Tipps gab es dort für Carsten Dethlefs jedenfalls nicht.

„Vielen Menschen fehlt einfach die Vorstellungskraft. Die wissen nicht, wie das gehen soll, wie ein Blinder normale Arbeiten ausführen kann.“ Unaufgeklärtheit, Unwissenheit, Ignoranz – das seien die Probleme, mit denen Dethlefs immer wieder konfrontiert wird. Bei einem Menschen mit Querschnittslähmung, der im Rollstuhl sitzt, haben Arbeitgeber konkretere Vorstellungen, wie die Umsetzung erfolgen kann, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen und was der Mitarbeiter mit Handicap leisten könnte. Bei einem Blinden fehlt schon die Vorstellung, dass dieser Texte auf dem Computer schreiben kann.

Dr. Carsten Dethlefs hat Bücher geschrieben, eine umfangreiche Dissertation, er tauscht sich häufig per E-Mail aus und ist im Internet unter anderem im sozialen Netz von Facebook sehr aktiv. Kaum ein Tag vergeht, an dem der Blinde nicht gegen Vorurteile kämpft, anderen Menschen mit Handicap Mut macht oder auch mal um seinen HSV trauert. Und er hat bereits Vorträge gehalten, unter anderem mit dem Titel „Aus dem Blickwinkel eines Blinden“. Mit Hilfe moderner Technik ist das Schreiben und Lesen am Computer relativ einfach. „Trotzdem empfinde ich es immer wieder als ungerecht, dass es für Blinde so aufwändig ist.“ Auf einer Leiste vor der Tastatur kann Carsten Dethlefs in Blindenschrift die Texte lesen, aber auch Programme, die den Bildschirminhalt vorlesen helfen dabei. Zum Schreiben nutzt er, wie jeder andere auch, die Tastatur – und das im Zehn-Finger-System, das er bereits früh gelernt hat, und schneller als viele Sehende.

Laut Dethlefs gibt es eigentlich kaum Hinderungsgründe, Blinde oder andere Menschen mit Behinderung einzustellen. Die Technik ist mit wenigen Handgriffen installiert, die Anschaffung wird im Normalfall von Arbeitsagentur oder Integrationsamt gefördert. Und auch eine Arbeitsassistenz, die dort eingreift, wo Hilfe nötig ist, wird bezahlt. „Ich bin Kaufmann. Ich verstehe, dass die Unternehmen Geld verdienen müssen – aber das geht doch auch mit Behinderten.“

Für Dr. Carsten Dethlefs steht fest, dass er weiter kämpfen wird – gegen Vorurteile und Ignoranz. Wer Potenziale nicht erkennt und sich weigert, Chancen zu sehen, der ist wirklich blind.

Weitere Infos:

www.carsten-dethlefs.de

www.wissenspool-westkueste.de

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