zur Navigation springen

Gesundheit : Steinburgs Ärzte werden immer älter

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Neue Generation scheut die Selbstständigkeit. Situation im Kreis war Thema im Sozialausschuss.

von
erstellt am 23.Feb.2017 | 16:00 Uhr

Die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum im Kreis Steinburg – tendenziell problematisch. Der Grund: die Überalterung der Hausärzte und fehlender beruflicher Nachwuchs, der sich für die Selbstständigkeit auf dem Lande entscheidet. Um die Situation der ambulanten Versorgung im Kreis Steinburg und mögliche Perspektiven ging es in der Sitzung des Kreisausschusses für Soziales, Familie und Gesundheit. Ein Thema, das viele interessierte Zuhörer in den Muschelsaal des Kreishauses lockte. Als Fachreferent hieß Ausschussvorsitzende Gerlinde Böttcher-Naudiet (SPD) Delf Kröger, zuständig für die Bereiche Gesundheitspolitik und Kommunikation bei der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, willkommen. Kröger erläuterte die Versorgungssituation und unterstrich, dass die Kassenärztliche Vereinigung nur Planungsbehörde sei und die Vorgaben der Politik, sprich, des Gesetzgebers, umsetze.

Im Kreis Steinburg gebe es 85 Hausärzte, 103 Fachärzte und 34 Psychotherapeuten. Tätig sind diese 222 Personen in 106 Einzelpraxen (davon 13 mit Angestellten), 23 Gemeinschaftspraxen und sechs medizinischen Versorgungszentren. Statistische Zahlen, so Kröger, die allerdings eine Problematik bergen: Es gibt nicht mehr wie früher flächendeckend Hausärzte im ländlichen Raum. „Die Demografie schlägt auch bei den Ärzten zu“, so Kröger. Der Altersdurchschnitt sei hoch, 41 Prozent der Hausärzte im Kreis Steinburg sind 60 Jahre und älter. Zwar gebe es eine neue Ärztegeneration, aber die setze verstärkt auf „Life-Balance“, auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele scheuten die Selbstständigkeit, ein Viertel der Ärzte seien Angestellte, vielfach werde in Teilzeit gearbeitet. Der demografische Wandel habe zur Folge, dass in den nächsten Jahren 40 Prozent der Stellen im Kreis neu besetzt werden müssten – landesweit stehe Steinburg damit auf dem zweiten Platz hinter Dithmarschen, wo sich die Situation noch dramatischer darstelle.

Delf Kröger erläuterte Planungsgrundlagen und ging auch darauf ein, wie bereits gegengesteuert werde und welche Möglichkeiten noch bestünden, um junge Ärzte für die Praxis auf dem Lande zu interessieren. Allerdings: „Eine 1:1-Wiederbesetzung frei werdender Hausärzte-Stellen wird es nicht geben.“

Seitens der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein sei es aber zumindest möglich, über den Bedarfsplan Einfluss zu nehmen. Beispielsweise durch Vermeidung zusätzlicher Hausarztstellen im Hamburger Randgebiet. Auch könnten Sicherstellungsgründe ins Feld geführt werden, um Darlehen oder Zuschüsse bei Praxisübernahmen gewährleisten zu können. Und die Bezuschussung zur Fortführung von Praxen als Zweitpraxis oder finanzielle Unterstützung kommunaler Eigeneinrichtungen sei praktikabel. Die Bereitschaftsdienstreform 2007 habe bereits zu weniger Dienstbelastung und mehr ambulant-stationärer Kooperation geführt.

Diese Kooperation von niedergelassenen Ärzten und Krankenhausärzten funktioniere in Steinburg gut, betonte Michael Kappus, ärztlicher Direktor des Klinikums Itzehoe. Allerdings sei eine „dramatische Steigerung“ der Patientenzahlen in den Ambulanzen zu verzeichnen – und mindestens 35 Prozent von ihnen gehörten dort gar nicht hin, könnten durchaus in die nächste Sprechstunde des jeweiligen Hausarztes gehen. Alles auch eine Frage der Mobilität, wie Helmut Unger (Freie Wähler) anmerkte: Lieber werde 112 und damit der Rettungswagen gerufen als ein Taxi zum Arzt, denn letztere Fahrt werde nicht von den Krankenkassen übernommen. Er führte zudem nordische Nachbarländer an, wo Ärzte erst zwei Jahre auf dem Lande arbeiten müssten, um ihre Zulassung zu bekommen. Ilona Adamski (Piraten) fügte hinzu, dass gefordert werden sollte, dass Ärzte ihr Anerkennungsjahr in Schleswig-Holstein ableisteten, nicht in einem anderen Bundesland.

Als weitere Perspektiven nannte Delf Kröger auch die Förderung im Studium und Unterstützung der Weiterbildung von Ärzten. Und er wies auf neue Formen der Berufsausübung hin: Anstellungen in Voll- oder Teilzeit, halbe Zulassungen für eine Tätigkeit in Klinik und Praxis. Eine Option sei zudem die Aufhebung der Residenzpflicht, Ärzte könnten in der Stadt leben und auf dem Land arbeiten. Schließlich könne Arztentlastung durch qualifiziertes Praxispersonal erzielt werden, was schon vielfach praktiziert werde. Und auch die Digitalisierung mit Apps, Telemedizin und mehr könne sowohl für den Arzt als auch für den Patienten Vorteile bieten.

Hier spiele für letztere auch wieder das Thema Mobilität im Alter eine Rolle. Auf das Problem für ältere Patienten auf dem Lande zum Hausarzt zu gelangen, hatte anfangs auch bereits Gerlinde Böttcher-Naudiet hingewiesen, ebenso auf das fehlende Studienangebot im Bereich Altersmedizin in Schleswig-Holstein.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen