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Pendeln zwischen Glückstadt, Itzehoe und Hamburg : Steinburg – Hamburg – Steinburg

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Immer mehr Menschen nehmen immer weitere Wege zur Arbeit auf sich. Wir haben mit einer aktuellen und einem ehemaligen Pendler gesprochen.

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2017 | 11:00 Uhr

Mehr Ruhe – das war für Christine Berg der ausschlaggebende Grund, warum sie vor 13 Jahren von Hamburg nach Glückstadt gezogen ist. Ihren Job allerdings behielt sie, das Pendeln nimmt sie dafür bis heute in Kauf. Und damit steht die 55-Jährige nicht allein da: Rund 60 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland sind 2016 zum Job in einen anderen Ort gefahren, im Jahr 2000 waren es noch 53 Prozent. Das ist das Ergebnis einer neuen Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Bonn. Die Zahl der Pendler liegt demnach auf einem neuen Rekordhoch.

40 Minuten Bahnfahrt, rund eine Stunde von Tür zu Tür: Das ist der Zeitaufwand, den Christine Berg zweimal am Tag für ihren Weg zur Arbeit an die Hamburger Binnenalster auf sich nimmt. Und volle Züge. Vor allem in den Stoßzeiten, wenn sie zwischen 16 und 18 Uhr auf dem Rückweg ist, gebe es insbesondere auf dem ersten Streckenabschnitt kaum noch Sitzplätze. „Man steht. Und das in der Regel dicht an dicht“, sagt Berg, die auch selbst den Eindruck habe, dass es auch auf der Strecke zwischen Glückstadt und Hamburg voller werde. „Es stehen heute mehr Menschen auf dem Bahnsteig. Und es sind immer mal wieder auch neue Gesichter dabei.“

Wenn die Züge planmäßig fahren, sei der Weg dennoch meist entspannt, sagt sie. Glückstadt habe sie gerade wegen der günstigen Verkehrsanbindung als Wohnort ausgewählt. Vor allem morgens könne sie die Zeit in der Bahn noch zum arbeiten, Zeitung lesen oder Entspannen nutzen. „Mit dem Auto wäre das nicht möglich.“ Wenn es allerdings nicht läuft, dann werde es auch mal stressig. Fällt ihr Zug um 8.08 Uhr beispielsweise aus, fährt der nächste erst eine Stunde später. Und kurze Verspätungen von wenigen Minuten würden zwar nicht in den Statistiken auftauchen, laut Berg dagegen aber umso häufiger vorkommen. Auf lange Sicht könne eine tägliche Pendelmobilität die körperliche und psychische Gesundheit von Erwerbstätigen gefährden, sagen Experten. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse haben Pendler ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken als andere Arbeitnehmer.

Entspannter hat es da Holger Meyer. Der 48-jährige Itzehoer ist in den vergangenen 17 Jahren ebenfalls mit der Bahn zur Arbeit nach Hamburg gependelt – zuerst sieben Jahre lang von Glückstadt aus, danach zehn Jahre ab Itzehoe. Inzwischen hat er seinen Job aber vor Ort. Bei gutem Wetter braucht der Digitalchef (CDO) der Volksbank-Raiffeisenbank Itzehoe keine fünf Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit – und nur bei schlechtem Wetter greife er auch mal auf den Wagen zurück. Mit der gewonnenen Zeit könne er sich viel stärker am Familienleben beteiligen, freut er sich.

Auch Meyer habe das Bahn-Pendeln aber nur in Ausnahmefällen als Belastung empfunden. „Wenn es nicht funktioniert, dann wird es stressig“, sagt er – wenn man bereits im Zug sitze, der aber nicht fährt und es keine Informationen oder widersprüchliche Aussagen gebe. Ansonsten wäre auch er weiter gependelt, hätte er nicht den Job in Itzehoe gefunden. „Irgendwann wird es einfach zum Trott“, sagt er, „so wie Zähne putzen und Schuhe anziehen.“ Auch wenn Preiserhöhungen nicht immer auch gleichzeitig Leistungserhöhungen mit sich gebracht hätten. „Ein Beitritt zum Hamburger Verkehrsverbund hätte dem ganzen Kreis Steinburg etwas gebracht“, ist er sicher.

Laut Auswertung des BBSR ist nicht nur die Zahl der Pendler, sondern auch die durchschnittliche Länge des einfachen Arbeitsweges in den vergangenen Jahren gestiegen: von 14,6 Kilometern im Jahr 2000 auf 16,8 Kilometer im Jahr 2015. Für Holger Meyer sind es statt gut 50 Kilometern nur noch wenige Hundert Meter. „Eine Veränderung, die ich als extrem angenehm empfinde“.

 

Als Pendler werden Personen bezeichnet, die auf dem regelmäßigen Weg zwischen Wohnort und Arbeitsplatz die Gemeindegrenze überschreiten. Die Auswertung des BBSR bezieht sich auf sozialversicherte Beschäftigte. Laut Bundesagentur für Arbeit betrug die Zahl der Steinburger Auspendler (Arbeitsplatz nicht in der Wohngemeinde) über die Kreisgrenze in Richtung Hamburg im vergangenen Jahr 5772. Das macht einen Anteil von 27,7 Prozent aus. In den Kreis Pinneberg waren es 5858 (28,1 Prozent).

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