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Kunstform : Steampunk in Itzehoe: Die Zukunft aus der Sicht von gestern

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Im Steampunk wird die Ästhetik der industriellen Revolution mit moderner Technik zu Kunst kombiniert. Itzehoer stellen zurzeit beim Wave-Gotik-Treffen (WGT) in Leipzig aus.

Itzehoe | Die besten Ideen kommen ihm nach einer 24-Stunden-Schicht. Wenn André Kahlke nach seinem Dienst bei der Hamburger Feuerwehr total erschöpft wieder auf dem Weg nach Itzehoe ist, dann fängt es in seinem Kopf an zu rattern. „Dann stelle ich mir vor, was ich womit kombinieren könnte“, sagt er: USB-Sticks im genieteten Kupferblech, Fledermausdetektoren in Grammophonen oder W 48-Telefone mit Designerlampen. André Kahlke ist Steampunk – und damit Teil einer Kunstbewegung, die die Optik der industriellen Revolution mit moderner Technik kombiniert und die Ästhetik von Kolben, Bolzen und Zahnrädern feiert.

Den Begriff Steampunk beschreibt Kahlke dabei so: Steam, also das englische Wort für Dampf, steht für das Zeitalter der Dampfmaschine, an dessen Optik sich die Kunst orientiert. Das Wort Punk bezeichnet für den 46-Jährigen die Gesellschaftskritik, die ebenfalls einen großen Teil seiner Leidenschaft ausmacht: „Wir wollen auch weg von der Wegwerfgesellschaft und nutzen deswegen vor allem wertigere Materialien“, sagt er. „Der Recycling-Gedanke spielt eine große Rolle.“ Die Teile kommen vor allem von Flohmärkten oder aus dem Schrott, verbaut wird nur, was sowieso nicht mehr funktioniert. Steampunk ist für André Kahlke zudem der Gegenentwurf zur nichtssagenden und rein funktionalen Ästhetik heutiger Technik.

Seinen Ursprung hat der Steampunk in der Literatur – insbesondere in den Romanen und Geschichten von Jules Verne und H. G. Wells. Später kamen Groschenromane und Comics hinzu, die auf eine ähnliche Weise Science-Fiction mit Abenteuerromantik verbanden. „In den 1980er Jahren kamen in England erste Jules-Verne-Partys auf“, sagt Kahlke. Während das Thema dann zunächst wieder etwas in der Versenkung verschwand, gelangte es Ende der 1990er Jahre verstärkt aus den USA zurück nach Europa. Im Musikvideo der Smashing Pumpkins zu Tonight, Tonight beispielsweise sind Zeppeline und Kostüme der Jahrhundertwende zu sehen, später sorgten die Verfilmungen des Comics Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, des Verne-Romans In 80 Tagen um die Welt oder der Film Wild Wild West mit Will Smith und Kevin Kline in den Hauptrollen für eine Wiederbelebung des Genres.

André Kahlke entdeckte diese Kunstform vor rund zehn Jahren für sich – vor allem Functional Steampunk. „Für mich macht es keinen Spaß, etwas zu bauen, das nicht funktioniert“, sagt er. Unter dem Namen Phonepunk bringt er in erster Linie alte W48-Telefonen in Kombination mit Lichtkunst „zu neuer Erleuchtung“.

Schon immer hat der Itzehoer gern gebastelt und sich mit Technik auseinandergesetzt – auch wenn er sich in Schulzeiten eher „durch den Physikunterricht gepeitscht“ hat, wie er sagt. Nach dem Abschluss machte Kahlke eine Elektroniker-Ausbildung, in Internetforen fand er andere Steampunks. 2013 veranstalteten sie ihre erste Ausstellung unter dem Namen Machina Nostalgica in Itzehoe. „Ich wollte immer gern ausstellen. Ich hatte allerdings keinen blassen Schimmer, wie man Ausstellungen macht.“ Doch nach einem erfolgreichen Auftakt macht die Gruppe weiter und stellt 2014 in Kiel aus sowie in den Jahren darauf unter anderem in Berlin, Bochum, Dortmund und Pinneberg. Zudem bieten sie Workshops für Kinder und Jugendliche an, in denen 3D-Hologrammprojektoren oder Hochspannungsmodule für Plasmalampen hergestellt werden, außerdem Vorträge zum Thema. „So kann man Kinder zusätzlich für Physik begeistern“, ist sich Kahlke sicher.

Heute gibt es wohl um die 8000 Steampunks in Deutschland, schätzt André Kahlke, die sich von der Mode über Literatur und Comics bis zu Musik mit dem Thema auseinandersetzen. „In der Macher-Szene sind wir aber wohl nur etwa 30 bis 40“, sagt er. Deswegen sei die Vernetzung entsprechend gut. Doch er ist davon überzeugt, dass die Szene in Zukunft noch größer wird. „Gerade in der heutigen Zeit sehnen sich viele Menschen nach etwas Beständigem zurück.“


Am Sonnabend und Sonntag, 3. und 4. Juni, ist André Kahlke mit seiner Künstlergruppe Machina Nostalgica beim Wave-Gotik-Treffen (WGT) im Promenaden Hauptbahnhof in Leipzig vor Ort. Die nächste Ausstellung in unserer Region findet zum Tag des offenen Denkmals am 9. und 10. September in der St. Peter-Kirche in Krempe statt.

Info: machina-nostalgica.de, phonepunk.de

 

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erstellt am 03.Jun.2017 | 16:00 Uhr

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